
Ich wünsche einen schönen guten Tag. Heute an diesem besonders sonnigen Montag möchte ich sie an einem Phänomen teilhaben lassen, das es so nur vor der Pandemie gab – die Kreuzfahrt. So eine Kreuzfahrt sah wie folgt aus. Eine Menge Menschen bestieg in einem Hafen ein Schiff, welches mit diesen Menschen dann die Ozeane der Welt kreuz und quer durchpflügte. Im Zuge dieser Reise wurden zahlreiche andere Häfen besucht, bis das Schiff dann schlussendlich wieder den Heimathafen erreichte.
In unserem konkreten Fall geht es um die Crew und die Passgiere der MS Seraphine. Es sollte die Reise ihres Lebens werden – eine Luxuskreuzfahrt durch die entlegensten Winkel des Pazifiks. Doch die MS Seraphine wurde zu einem schwimmenden Sarg. In unseren Archiven haben wir die Fragmente des Kapitäns-Logbuchs rekonstruiert.
Die letzte Kreuzfahrt der MS Seraphine: Logbuch einer Geisterfahrt
04. Juli: Der Funke im Hafen
Ort: Vor Anker, Hafen von Surabaya (Indonesien)
Status: Ablegebereit
Der Landgang verlief weitgehend reibungslos, doch kurz vor dem Ablegen meldete der Schiffsarzt drei Zwischenfälle. In den engen Gassen nahe dem Hafen wurden Passagiere der ersten Klasse von einheimischen Landstreichern angepöbelt. Es kam zu Handgreiflichkeiten. Drei Gäste – das Ehepaar Miller aus London und ein junger Mann aus Berlin – erlitten leichte Biss- und Kratzwunden. Der Arzt beschreibt die Angreifer als ‚auffallend blass und extrem aggressiv‘. Die Wunden wurden gereinigt und desinfiziert. Da kein Fieber vorliegt, sah ich keine Veranlassung, die Passagiere in Quarantäne zu stecken oder ihnen die Weiterreise zu verweigern. Wir lichten den Anker. Nächster Halt nach den Seetagen: Die Osterinsel.

07. Juli: Das erste Zittern
Ort: Offenes Meer, Indischer Ozean
Status: Auf Kurs
Dritter Tag auf See. Eine seltsame Unruhe liegt über dem Schiff. Herr Miller hat heute Morgen das Frühstück ausgelassen. Seine Frau berichtet von Schüttelfrost und einer ‚merkwürdigen Apathie‘. Der Schiffsarzt ist besorgt, da die Bisswunden trotz Antibiotika nicht heilen wollen. Sie sehen bläulich verfärbt aus, fast wie bei einer schweren Nekrose. Ich habe angeordnet, dass die betroffenen Passagiere vorerst in ihren Kabinen bleiben sollen, um eine Grippewelle an Bord zu vermeiden. Das Wetter ist perfekt, aber die Stimmung in der Crew ist angespannt.
09. Juli: Die Stille in Deck 4
Ort: Südlicher Pazifik
Status: Eingeschränkter Betrieb
Wir haben den Funkkontakt zu den indonesischen Behörden verloren. Über Kurzwelle empfangen wir nur noch verstümmelte Notrufe aus dem asiatischen Raum. An Bord hat sich die Lage verschlechtert. Der junge Mann aus Berlin wurde heute Nacht im Korridor von Deck 4 aufgegriffen. Er war völlig orientierungslos und versuchte, eine Stewardess anzugreifen. Er gab keine Antwort auf Fragen, stieß nur ein kehliges Knurren aus. Der Arzt musste ihn sedieren. Als ich ihn besuchte, fiel mir auf, dass sein Herzschlag extrem verlangsamt war – fast so, als würde sein Blut zu dickflüssig für seine Adern. Wir halten Kurs auf Rapa Nui (Osterinsel). Ich hoffe, dort gibt es bessere medizinische Einrichtungen.
11. Juli: Das Erwachen der Toten
Ort: Westlich der Osterinsel
Status: NOTSTAND
Gott stehe uns bei. Wir haben den Schiffsarzt verloren. Er wurde heute Nacht in der Krankenstation angegriffen – von Herrn Miller, der eigentlich vor zwölf Stunden für klinisch tot erklärt worden war. Die Miller-Frau ist verschwunden. In den Lüftungsschächten hören wir Kratzgeräusche. Ich habe die Brücke verriegelt. Die Passagiere in den oberen Decks wissen noch nichts von dem Grauen, das sich in den Mannschaftsquartieren ausbreitet. Wir sehen am Horizont bereits die Umrisse der Osterinsel. Ich versuche, die dortige Funkstation zu erreichen, aber dort herrscht Schweigen. Wir laufen den Hafen an. Wir müssen von diesem Schiff runter. Egal, was uns an Land erwartet.
Die Irrfahrt der MS Seraphine: Das verweigerte Ufer
Nachdem die ersten Infektionen in den Mannschaftsquartieren ausgebrochen waren, hoffte Kapitän Sorenson auf Rettung durch die Isolation der Osterinsel. Er ahnte nicht, dass die Welt außerhalb der Reling bereits in Flammen stand.
12. Juli: Die Ablehnung von Rapa Nui
Ort: Vor der Küste von Hanga Roa (Osterinsel)
Status: Abgedrängt

Wir erreichten die Bucht bei Sonnenaufgang. Ich ließ das Signalhorn dröhnen, in der Hoffnung auf Quarantäneboote. Doch die Antwort war Blei. Die chilenische Garnison auf der Insel hat offenbar den Verstand verloren. Sobald wir uns der Drei-Meilen-Zone näherten, eröffneten sie das Feuer mit schweren Maschinengewehren. Panzerfäuste schlugen in die oberen Decksnahe der VIP-Lounge ein. Das Wasser um uns herum kochte vor Einschlägen.
Über Funk schrie ein Offizier nur ein Wort: ‚¡Lárgate!‘ – Verschwindet! Sie haben keine Angst vor Piraten, sie haben Angst vor uns. Ich musste beidrehen, bevor eine Granate den Rumpf durchschlägt. Wir setzen Kurs auf Neuseeland. Es ist die letzte Hoffnung auf einen organisierten Hafen.
14. Juli: Stimmen aus dem Äther
Ort: Südostpazifik
Status: Kommunikation gestört
Die Reederei in Genua antwortet nicht mehr. Die Satellitentelefone sind tot. In meiner Verzweiflung ließ ich die Funker alle Frequenzen scannen. Wir empfangen ein babylonisches Gewirr aus Notrufen. Meine Matrosen, die aus aller Herren Länder stammen, saßen bleich in der Funkkabine und übersetzten. Es sind keine Berichte über Stürme oder Motorschäden. Es sind Berichte über brennende Städte, über Invasoren, die nicht sterben, über das Ende der Regierungsgewalt in Manila, San Francisco und Lima.
Uns dämmert langsam die bittere Wahrheit: Die Vorfälle in Indonesien waren kein lokales Problem. Eine Pandemie apokalyptischen Ausmaßes überrollt den Planeten.
16. Juli: Die Barrikaden von Deck 4
Ort: Südlicher Pazifik, Richtung Neuseeland
Status: INTERNER NOTSTAND
Die Krankheit breitet sich nun unkontrolliert aus. Es ist kein Fieber, es ist eine Metamorphose. Wir haben Deck 4 und Deck 5 vollständig aufgegeben. Meine verbliebenen Matrosen haben die schweren Brandschutztüren mit Schweißgeräten versiegelt und verrammelt. Wir stehen mit geladenen Dienstwaffen davor. Hinter dem Stahl hören wir das… das Scharren. Es klingt, als würden hunderte Fingernägel über Metall kratzen.
In den Decks darüber ist die Panik ausgebrochen. Die Passagiere haben die Durchsagen gehört. Sie wissen, dass die unteren Etagen verstummt sind. In der Lobby kam es zu Kämpfen um die letzten Rettungswesten, als ob ein Boot mitten im Ozean einen Unterschied machen würde. Die Vorräte werden knapp, und die Klimaanlage verteilt den süßlichen Geruch von Verwesung über das ganze Schiff. Ich starre auf das Radar, aber der Schirm bleibt leer. Keine Patrouillen, keine Fischer. Nur wir und die Fracht des Todes.
undatiert: Das Massaker im Äther
Ort: Anflug auf die neuseeländische Wirtschaftszone
Status: Kursänderung / Verzweiflung
Auckland liegt in Reichweite, doch der Funk bringt uns das Grauen. Wir haben die Frequenz der australischen Marine abgehört. Sie haben die „MS Dresden“ versenkt. Ein ziviles Schiff, vollgestopft mit Tausenden von uns – einfach versenkt, ohne Warnung, nur um die Küste „rein“ zu halten. Die Schreie der Funker am anderen Ende… sie verstummen nicht in meinem Kopf.
Ich habe die Entscheidung getroffen: Wir drehen ab. Wir versuchen den Durchbruch nach Europa. Vielleicht ist die alte Welt noch Herr ihrer Sinne. Wir nutzen die letzten Treibstoffreserven für den langen Weg nach Norden. Möge Gott uns gnädig sein, denn die Menschen sind es nicht mehr.
undatiert: Die Sünde des Hungers
Ort: Südlicher Ozean
Status: TOTALER KOLLAPS
Es ist vorbei. Die Disziplin ist unter dem Druck des Hungers zerbrochen. Eine Gruppe von Matrosen, angeführt vom Proviantmeister, hat heute Nacht die versiegelten Schotts zu Deck 4 eigenmächtig geöffnet. Sie wussten, dass dort unten die Kühlkammern noch voll sind. Sie dachten, sie könnten die „Dinger“ dort unten mit Äxten und Eisenstangen zurückhalten.
Sie haben die Schleusen zur Hölle geöffnet. Innerhalb von Minuten fluteten die Infizierten die Treppenhäuser. Ich höre das Brüllen durch die Lüftungsschächte. Die Brücke ist verriegelt, ich bin hier oben mit dem ersten Offizier und zwei Funkern gefangen. Der Maschinenraum hat sich vor zehn Minuten nicht mehr gemeldet. Die Turbinen sterben. Wir treiben jetzt. Die Strömung zieht uns nach Süden, in die Kälte. Wir sind nur noch Passagiere in einem Sarg aus Stahl.
Der letzte Logbucheintrag (undatiert)
Das Licht wird schwach. Die Batterien sterben. Draußen ist nur noch Eis und schwarzes Wasser. Unten… unten ist es jetzt still. Ich glaube, sie sind bei dieser Kälte erstarrt. Wir haben keine Nahrung mehr. Wenn uns jemand findet: Wir waren Menschen. Wir wollten nur nach Hause.

Das Nachspiel: Fund im Jahr 4 n.d.P.
Die MS Seraphine verschwand für vier Jahre von allen Radarschirmen. Die Welt hielt sie für gesunken, verschlungen von den Stürmen der Antarktis. Doch im Jahr 4 nach dem Zusammenbruch sichtete eine Aufklärungseinheit der Marine von New Britain den riesigen, rostzerfressenen Rumpf in der Nähe der Süd-Shetland-Inseln.
Die Enterkommandos der Royal Navy fanden ein bizarres Bild vor: Das Schiff war eine Kathedrale aus Eis. In den prunkvollen Festsälen und Korridoren standen hunderte Infizierte wie makabre Statuen in der Kälte eingefroren. Kapitän Sorenson wurde auf seinem Sessel auf der Brücke gefunden, die vertrocknete Hand noch immer fest um das Logbuch geschlossen.
Die Reinigung der MS Seraphine dauerte drei Wochen. Man fand keine Überlebenden, aber die Daten aus dem Schiffscomputer lieferten wertvolle Informationen über die frühe Ausbreitungsgeschwindigkeit der Var. Occidentalis. Heute dient die Seraphine – vollständig entkernt und gesäubert – als schwimmendes Versorgungslager in den Häfen von New Britain. Ein Schiff, das die Apokalypse durchsegelte, um am Ende doch noch einen Hafen zu finden.
Für heute muss ich mich wieder verabschieden. Aber ich freue mich schon auf das nächste Mal, der nächste Beitrag wird sich vermutlich (sofern ich eine Zusammenfassung noch rechtzeitig schaffe) in weiten Teilen mit der Presse zu Zeiten der Krise auseinandersetzen. Ich wünsche noch einen schönen Tag, bleiben sie mir gewogen, auf Wiedersehen.
