Schönen guten Tag, freut mich, dass sie wieder hier sind. Heute setzen wir uns hauptsächlich mit dem Höhepunkt der Pandemie auseinander, und da im speziellen mit dem Versuch der amtlichen Stellen, den Erreger aktiv wieder zurück zu drängen. Beginnen wollen wir mit dem Befehl der niederländischen Regierung an die Luftwaffe, fortan bei Lufteinsätzen keine Rücksicht mehr auf die Zivilbevölkerung zu nehmen. Der Befehl, der mir hier vorliegt stammt aus der zweiten Septemberhälfte 0 und richtete sich an ein Jagdbombergeschwader, das im Anflug auf eine große Durchzugsstraße nahe Rotterdam war. Die Flugzeuge starteten noch mit dem Befehl, auf Sicht größere Ansammlungen von vermeintlich Untoten, er wurde kurz nachdem die Jagdbomber ihre Marschhöhe erreichten geändert.

Militärischer Funkspruch: Operation „Roter Deich“
Absender: Tactical Operations Center (TOC) – Kommando Luftwaffe Empfänger: Rufzeichen „ORANJE-LEADER“ (322nd Squadron) Status: STRENG GEHEIM / BLITZ
TOC: „Oranje-Leader, hier TOC. Bestätigen Sie aktuelle Position und Einsatzstatus. Kommen.“
ORANJE-LEADER: „Hier Oranje-Leader. Befinden uns im Steigflug, Passieren von 5.000 Fuß. Zielkoordinaten A16/Rotterdam-Süd geladen. Napalm-Zuladung scharfgeschaltet. Wir sind bereit für die Bereinigung der Untoten-Cluster im Sektor Delta. Kommen.“
TOC: „Oranje-Leader, hören Sie genau zu. Wir haben eine unmittelbare Änderung der Einsatzregeln (ROE). Das Zielgebiet wurde erweitert. Der Befehl zur selektiven Bekämpfung der Untoten abseits der Infrastruktur ist aufgehoben.“
ORANJE-LEADER: „Verstanden, TOC. Nennen Sie die neuen Koordinaten. Kommen.“
TOC: „Negativ, Leader. Die Koordinaten bleiben gleich, aber der Fokus ändert sich. Sie werden die gesamte Ladung direkt auf die Hauptverkehrsachse der A16 abwerfen. Das Ziel ist die vollständige thermische Vernichtung der Fahrzeugkolonnen und der gesamten Stauzone.“
ORANJE-LEADER: „TOC, bestätigen Sie das? Die Autobahn ist laut Aufklärung zu 90 % mit Zivilfahrzeugen und Evakuierungstrupps verstopft. Wir haben dort Tausende Nicht-Infizierte. Das ist ein Feuersturm im Fluchtkorridor. Erbitte Wiederholung.“
TOC: „Bestätigung folgt, Oranje-Leader. Keine Rücksicht auf verbleibende Zivilisten oder eigene Einsatzkräfte vor Ort. Die Infektionsrate in den Fahrzeugschlangen hat den kritischen Punkt überschritten. Wir können keinen Durchbruch in Richtung der sicheren Zonen riskieren. Die Autobahn muss als Brandschutzschneise dienen.“
ORANJE-LEADER: „…Verstanden, TOC. Wir drehen ein auf Angriffsvektor. Möge Gott uns gnädig sein.“
TOC: „Leader, eine letzte Mitteilung: Dieser Befehl wurde vor fünf Minuten durch Seine Majestät, den König, persönlich autorisiert. Er hat das Dokument schweren Herzens unterzeichnet, aber es gibt keinen anderen Weg mehr, das Land zu retten. Ende der Durchsage. Viel Glück.“
Wenden wir unseren Blick nun über den großen Teich auf das Gebiet der ehemaligen Vereinigten Staaten. Ich hatte vor kurzem die Gelegenheit, Funkaufzeichnungen eines russischen U-Bootes, das vor kurzem in unseren Hafen auf Besuch war auszuwerten. Eine dieser Aufzeichnungen stammt aus Kansas City und hat den Rückzug der Einsatzkräfte zum Inhalt. Das Dokument ist in die Zeit des Höhepunkts der Pandemie auf dem amerikanischen Kontinent einzuordnen.

JOINT TASK FORCE KANSAS CITY – GEHEIMHALTUNGSSTUFE: ROT
NUMMER: OP-ORDER 77-B / „CLEAN BREAK“
DATUM: ? – 03:40 CST
VON: Stab des stellvertretenden Gouverneurs (Acting Executive Authority)
AN: KCPD, Kansas National Guard, US-Army Central Command (Sektor KC)
I. LAGEBERICHT
- Feindlage: Die Stadt Kansas City (KS/MO) gilt als operativ verloren. Die Infektionswellen haben die primären Verteidigungslinien im Stadtkern überrannt. Eine Eindämmung innerhalb der Stadtgrenzen ist nicht mehr möglich.
- Führungslage: Der Hubschrauber von Gouverneur Kelly ist unmittelbar nach Überqueren der Stadtgrenze abgestürzt. Es gibt keine Überlebenden. Die Befehlsgewalt ist gemäß Notstandsprotokoll auf den stellvertretenden Gouverneur übergegangen.
- Ressourcen: Die staatlichen Reserven an Munition, Treibstoff und medizinischen Gütern haben einen kritischen Tiefstand erreicht. Weitere Verluste an Personal oder Material können nicht kompensiert werden.
II. EINSATZAUFTRAG (MARSCHBEFEHL)
Alle Einheiten der Polizei, Nationalgarde und US-Army haben den Kampf im Stadtgebiet unverzüglich abzubrechen und den Rückzug einzuleiten.
- Sammelpunkt: Alle Einheiten verlegen im Eilmarsch nach Winchester, KS.
- Ziel: Vereinigung mit versprengten Einheiten aus den Vorstädten, Neugruppierung und Abwarten weiterer Befehle der Interimsregierung.
III. DURCHFÜHRUNG & LOGISTIK
- Materialerhaltung: Priorität hat die Sicherung von schwerem Gerät (Panzer, Transportfahrzeuge, Artillerie) und verbliebener Versorgung. Einheiten sind angewiesen, jedes funktionsfähige Gerät aus der Stadt zu führen. Unbewegliches Gerät ist unbrauchbar zu machen.
- Umgang mit Zivilisten: * Keine Mitnahme: Die Evakuierung von Zivilpersonen ist streng untersagt. Es fehlen die Kapazitäten für deren Versorgung, und das Risiko einer unentdeckten Infektion innerhalb der Konvois ist inakzeptabel hoch.
- Deeskalations-Narrativ: Um Panik und Blockaden der Abzugswege zu vermeiden, ist der Bevölkerung mitzuteilen, dass es sich lediglich um eine taktische Umgruppierung handelt und „speziell ausgebildete Reinigungseinheiten“ in Kürze eintreffen werden, um die Stadt zu sichern.
- Anwendung von Gewalt: Der Rückzug hat Vorrang vor allen anderen Erwägungen. Sollten Evakuierungskonvois durch zivile Blockaden oder Unruhen behindert werden, ist der Weg notfalls mit Waffengewalt freizumachen. Die Integrität der militärischen Strukturen ist für den Fortbestand des Staates essenziell.
IV. KOMMUNIKATION
Funkstille ab Erreichen der Stadtgrenze. Alle weiteren Befehle erfolgen verschlüsselt über den Sammelpunkt Winchester.
Gezeichnet,
Douglas Thorne Stellvertretender Gouverneur, Staat Kansas
Interim Commander-in-Chief
Machen wir jetzt wieder einen Sprung zurück über den großen Teich. Und zwar nach Schweden in ein Europa am Höhepunkt der Krise. Wie in vielen anderen Staaten auf dem Globus kam man auch in Schweden an den Punkt, an dem der lebende Tod die Überhand gewann. Als man die Verluste nicht mehr kompensieren konnte war man gezwungen, die Reihen der Streitkräfte auch mit Zwang zu füllen. Wir wollen uns das anhand eines Dokumentes, das uns eine Expedition vor kurzem zugänglich machte, etwas genauer ansehen.

RADIO-NOTFALLÜBERTRAGUNG: VERTEIDIGUNGSMINISTERIUM STOCKHOLM
(Signalton des schwedischen Notfallsystems – drei Sekunden tiefer Brummton)
„Hier spricht Pål Jonson, Verteidigungsminister des Königreichs Schweden.
Bürgerinnen und Bürger, Schweden steht vor seiner größten Prüfung. Seit dem Fall von Malmö und der Aufgabe von Göteborg hat sich die Lage landesweit drastisch verschlechtert. Unsere Streitkräfte kämpfen an den Belastungsgrenzen. Um das Überleben unserer Nation und unserer Familien zu sichern, hat die Regierung in enger Abstimmung mit dem Hauptquartier der Streitkräfte soeben das Totale Mobilmachungsgesetz 2.0 verabschiedet.
Mit sofortiger Wirkung gelten folgende Bestimmungen:
I. Ausweitung der Wehrpflicht
Die allgemeine Wehrpflicht wird mit sofortiger Wirkung auf folgende Bevölkerungsgruppen ausgeweitet:
- Männliche Staatsbürger: Alle im Alter von 14 bis 60 Jahren.
- Weibliche Staatsbürgerinnen: Alle im Alter von 20 bis 50 Jahren.
Ausnahmeregelungen: Von dieser Einberufung sind ausschließlich hochqualifizierte Wissenschaftler aus den Bereichen Medizin, Chemie, Biologie und Pharmazie sowie schwangere Frauen befreit. Diese Personen haben sich dennoch bei ihrer lokalen Behörde zur Registrierung für den zivilen Verteidigungsdienst zu melden.
II. Meldepflicht
Alle betroffenen Bürger haben sich innerhalb der nächsten 72 Stunden in der nächstgelegenen Militäreinrichtung, Kaserne oder einem behelfsmäßigen Musterungszentrum einzufinden. Bringen Sie festes Schuhwerk, warme Kleidung und – sofern vorhanden – persönliche Schutzausrüstung mit.
III. Anpassung des Militärrechts
Ich muss Sie mit schwerem Herzen über eine weitere Maßnahme informieren. Um die Disziplin und die Integrität unserer verbleibenden Verteidigungslinien zu gewährleisten, wurde das Militärstrafgesetzbuch für die Dauer des Ausnahmezustands novelliert.
Mit Wirkung ab heute Mitternacht wird die Todesstrafe für schwere Vergehen gegen die nationale Sicherheit und die Truppenmoral wieder eingeführt.
Dies schließt ausdrücklich die Wehrdienstverweigerung und Fahnenflucht ein. Wer sich nicht innerhalb der 72-Stunden-Frist an den Sammelpunkten einfindet, fällt unter die volle Härte des neuen Militärrechts. In diesen Zeiten ist Zögern gleichbedeutend mit Verrat an den Überlebenden.
Schweden verlässt sich auf Sie. Wir weichen keinen Schritt mehr zurück.
Der nächste Bericht stammt aus einer Zeit, in der die Verzweiflung um sich griff. Inhalt des Dokumentes ist die Anweisung eines Regionalkommandeurs an Soldaten, die in einer chilenischen Großstadt ein Ausgangsverbot durchsetzen mussten.

EJÉRCITO DE CHILE – COMANDANCIA EN JEFE
DIRECCIÓN DE OPERACIONES DE EMERGENCIA (DOE)
Tagesbefehl Nr. 44-C / Operation „Eiserner Wall“ DATUM: ? VON: General de División Guillermo Arriagada AN: Alle Einheiten im Großraum Santiago, Valparaíso und Concepción
I. LAGEBERICHT
Die bisherige Strategie der Eindämmung ist gescheitert. Nachdem die sanitären Sperrzonen in Nord-Santiago überrannt wurden und die Evakuierung der Küstenstädte eingestellt werden musste, hat das Verteidigungsministerium die Stufe Rot ausgerufen. Das Überleben der chilenischen Nation als souveräner Staat ist unmittelbar bedroht.
II. NEUE EINSATZREGELN (ROE) – AUSGANGSSPERRE
Das bisherige Fenster der Bewegungsfreiheit wird mit sofortiger Wirkung aufgehoben.
- Vollständiges Ausgangsverbot: Von 07:00 Uhr bis 20:00 Uhr herrscht absolute Ausgangssperre für alle Zivilpersonen ohne Sondergenehmigung.
- Eskalationsstufe: Die bisherige Praxis der Inhaftierung von Zivilisten bei Verstößen wird eingestellt. Angesichts der überfüllten Hafteinrichtungen und des Infektionsrisikos gilt ab sofort:Jede unbefugte Person, die sich während der Sperrzeit im öffentlichen Raum aufhält, ist als potenzieller Überträger einzustufen und standgerichtlich zu erschießen. Ein Warnschuss ist nicht mehr zwingend erforderlich, sofern die Sicherheit der Truppe gefährdet ist.
III. KONTROLLE DES SANITÄTSWESENS
Da Berichte vorliegen, dass Krankenwagen zur Umgehung von Checkpoints und zum Schmuggel von Infizierten genutzt werden, ordne ich folgendes an:
- Zwangsstop: Jeder Krankenwagen und jedes Rettungsfahrzeug ist an den Barrikaden vollständig zu entladen und zu inspizieren.
- Patientenselektion: Chile verfügt landesweit nur noch über zwei einsatzbereite Zentralkrankenhäuser. Diese Kapazitäten sind ausschließlich für das Militär und unersetzliches Personal reserviert.
- Liquidierungsprotokoll: Patienten in Rettungsfahrzeugen, die Symptome einer Infektion zeigen oder deren Gesundheitszustand eine sofortige Genesung unwahrscheinlich macht, sind unverzüglich durch Kopfschuss zu liquidieren. Eine Überführung in die verbleibenden Hospitäler ist strengstens untersagt.
IV. SCHLUSSWORT DES KOMMANDANTEN
Ich werde keinerlei Zögern oder Disziplinlosigkeit in meinen Reihen dulden. Wer Mitleid über den Befehl stellt, schmälert die Überlebenschancen unserer gesamten Nation. Wir sind die letzte Linie zwischen der Zivilisation und dem absoluten Nichts.
Por la Razón o la Fuerza. (Durch Vernunft oder durch Stärke.)
Gezeichnet,
Guillermo Arriagada General de División
Oberbefehlshaber der Zone für den Ausnahmezustand
Abschließen möchte ich heute mit dem Tagebucheintrag eines japanischen Arbeiters. Der Eintrag stammt aus der frühen bis mittleren Phase Asiens und zeigt uns, wie die Bevölkerung reagierte, als der Virus noch weitgehend ein Gerücht war.

22:45 Uhr
Ich verstehe es nicht. Japan ist ein Land der Pünktlichkeit, der Pflicht. Aber heute… heute fühlte es sich an, als würde das Fundament unserer Gesellschaft langsam wegbröckeln.
Schon am Morgen in der Ginza-Linie: Die Waggons waren fast leer. Normalerweise kämpfe ich um jeden Zentimeter Platz, heute hätte ich mich hinlegen können. Nur ein paar Pendler saßen da, die Gesichter starr auf ihre Telefone gerichtet, Masken tiefer im Gesicht als sonst. Niemand sah auf.
In der Fabrik war es noch schlimmer. In Halle 4 standen die Bänder still. Von den 120 Kollegen der Frühschicht haben sich über achtzig krankgemeldet. „Grippewelle“, sagte der Schichtleiter, aber seine Hände haben gezittert, als er die Listen abgezeichnet hat. Er sah aus, als hätte er die ganze Nacht nicht geschlafen. Die Stille in der großen Halle war beängstigend. Man hörte nur das Summen der Transformatoren. Keine Gespräche, kein Lachen in der Pause.
Auf dem Rückweg, kurz nach dem Verlassen der U-Bahn-Station in Richtung meiner Wohnung, passierte es dann. Zuerst hörte ich nur Schreie. Grelle, panische Schreie, die absolut nicht in dieses Viertel passen. Drei oder vier Leute rannten aus einem Hauseingang, als wäre der Teufel hinter ihnen her.
Dann kamen die Polizisten. Sie zerrten einen Mann nach draußen. Er wehrte sich mit einer Kraft, die unmenschlich wirkte. Vier Beamte versuchten, ihn am Boden zu fixieren, um ihm Handschellen anzulegen. Der Mann gab keine Worte von sich, nur ein kehliges, nasses Knurren. Einer der Polizisten schrie plötzlich auf – der Mann hatte seinen Kopf zur Seite gerissen und seine Zähne tief in den Hals des Beamten geschlagen. Es war so viel Blut. Es spritzte über den Asphalt, dunkler als im Fernsehen.
Bevor ich begreifen konnte, was ich da sah, bogen Einsatzwagen mit Blaulicht um die Ecke. Aber es waren keine normalen Streifenwagen. Männer in schweren Ganzkörperschutzanzügen sprangen heraus, die Gesichter hinter Visieren verborgen. Sie trugen Gewehre, keine Schlagstöcke. Sturmgewehre.
Ich bin gerannt. Ich habe nicht gewartet, um zu sehen, ob sie schießen. Ich bin einfach nur in meine Wohnung gestürmt und habe die Tür dreifach verriegelt.
Das Verrückteste ist: Ich sitze jetzt seit zwei Stunden vor dem Laptop. Ich scrolle durch die News, aktualisiere NHK im Minutentakt, schaue auf Twitter. Nichts. Keine Eilmeldung über Unruhen, kein Bericht über eine neue Epidemie in Tokio. Nur das übliche Geplänkel über den Aktienmarkt und das Wetter. Die Regierung schweigt. Das Internet schweigt.
Die Gerüchte aus Übersee, über die wir letzte Woche noch gelacht haben… sie fühlen sich plötzlich gar nicht mehr so weit weg an. Mein Hals fühlt sich trocken an. Ich glaube, ich gehe morgen nicht zur Arbeit.
Der nun folgende Eintrag ist leider das letzte uns zur Verfügung stehende Zeitzeugnis aus dieser Region und wurde nur einige Tage später verfasst.
20:07
Ich habe seit zwei Tagen nicht mehr geschlafen. Ich traue mich nicht einmal mehr, das Licht anzumachen, selbst wenn der Strom noch da wäre. Aber das Netz ist tot.
Gestern Morgen gegen 09:00 Uhr gab es einen kurzen, harten Schlag in den Leitungen, dann wurde mein Fernseher schwarz. Das Internet hielt sich noch eine Stunde länger über das Mobilfunknetz, aber die Seiten luden nicht mehr. Nur noch Fehlermeldungen. „Server nicht erreichbar.“ Das Letzte, was ich sah, war ein verwackeltes Video aus Shinjuku – Menschen, die über Autodächer kletterten, und im Hintergrund Rauchsäulen. Dann war alles weg.
Ich bin an das Fenster gegangen und habe vorsichtig durch die Jalousien gespäht. Unsere Straße ist jetzt eine Todeszone, aber nicht so, wie man es aus Filmen kennt. Es ist die Stille, die mich fertigmacht.
Unten an der Kreuzung stehen zwei Militärlaster der Selbstverteidigungsstreitkräfte (JSDF). Sie haben Stacheldrahtrollen quer über die Fahrbahn gezogen. Männer in diesen dicken Schutzanzügen patrouillieren dort. Sie rufen nichts, sie benutzen keine Megafone. Sie stehen einfach nur da und halten ihre Gewehre im Anschlag.
Vorhin hat ein Nachbar aus dem Haus gegenüber versucht, zu seinem Auto zu laufen. Er hat geschrien, er müsse zu seiner Mutter nach Chiba. Er war völlig aufgelöst, hielt seine Autoschlüssel hoch wie eine weiße Fahne. Einer der Soldaten hat nicht einmal gezögert. Er hat zweimal geschossen. Kurze, trockene Knalle, die in der leeren Häuserschlucht wie Peitschenhiebe klangen. Der Nachbar liegt jetzt dort auf dem Asphalt. Niemand kommt, um ihn zu holen. Die Soldaten starren einfach stur geradeaus, als wäre er nur ein Sack Müll.
Was mich am meisten quält: Ich höre es jetzt auch in unserem Treppenhaus. Dieses Schlurfen. Ein rhythmisches Kratzen an den Türen, Stockwerk für Stockwerk. Es ist ein nasses Geräusch, als würde jemand einen schweren, feuchten Teppich über den Boden ziehen. Und ab und zu dieses Keuchen… als ob jemand versucht zu atmen, dessen Lunge voller Wasser steht.
Eben hat es an meiner Tür gekratzt. Ganz vorsichtig. Nur einmal.
Ich habe meinen schweren Küchenschrank vor die Eingangstür geschoben. Meine Hände bluten vom Drücken, aber ich habe kaum Kraft in den Fingern. Ich habe das große Sashimi-Messer aus der Küche geholt und sitze jetzt auf dem Boden im Flur.
Die Regierung hat uns nicht nur belogen. Sie hat uns einfach abgeschaltet. Wir sind die Pufferzone.
Ich hoffe, die Batterien meiner Taschenlampe halten noch bis zum Morgen. Wenn der Morgen überhaupt kommt.
Das wars leider für heute, ich möchte mich an der Stelle verabschieden, aber keine Sorge ich bin schon bald mit einer Fülle an Daten wieder da. Bleiben Sie mir gewogen, bis bald und auf WIedersehen.
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