Schlagwort: Kernwaffen

  • Die Stille nach dem Befehl: Ein Tagebuch im Silo

    Schönen guten Tag werte Leser, ich möchte mich zuallererst für die lange Funkstille entschuldigen, ich dachte mir ein Urlaub wäre mal eine erfrischende Abwechslung. Zu meinem Bedauern musste ich feststellen, dass sich das Konzept Urlaub ein wenig verlebt hat, weshalb ich ihnen fortan vermutlich das ganze Jahr über zur Verfügung stehe. Kommen wir nun zu dem Thema, weshalb sie hier sind. Ich hatte heute meinen ersten Tag, und erkannte mein Büro nicht wieder. Es dauerte einige Zeit, bis ich mich durch Berge an Papier, Sticks, Festplatten und so weiter und so fort durchkämpfen musste, bis ich endlich meinen Schreibtisch erreichte. Kompliment an die tapferen Frauen und Männer unserer Streitkräfte, sie haben mein kleines Büro in der kurzen Zeit, in der ich nicht anwesend war mit Informationen regelrecht vollgestopft. Da ich mich nicht so wirklich für einen Datensatz entscheiden konnte habe ich einfach blind in einen Stapel gegriffen. Und ich muss sagen, ich war ob meines Glücksgriffes hellauf verzückt. Das das nun folgende Dokument etwas umfangreicher ist erscheint heute nur ein Datensatz, aber keine Sorge, ich halte mein Versprechen, immer auch ein Einzelschicksal anzufügen – der gesamte Datensatz spiegelt eines wider.

    Stimmen aus dem Beton-Sarkophag

    Ein Soldat in Militäruniform sitzt nachdenklich in einem Raum neben einer Rakete.

    Titel: Das Minuteman-Fragment: Logbuch aus Silo 4-Alpha

    Status: Geborgen bei der „Operation Iron Spade“ (Montana Bergung, Jahr 12 n.d.P.)

    Kategorie: Phase V – die nukleare Agonie

    Einführung des Archivars: Vor drei Jahren bargen unsere Aufklärungsteams eine versiegelte Metallkassette aus einem Minuteman-III-Silo in den Ebenen von Montana. Inmitten von verrosteter Elektronik und den sterblichen Überresten zweier Männer fanden wir ein handgeschriebenes Logbuch. Es gehört Staff Sergeant Elias Thorne. Thorne und sein Partner, First Lieutenant Miller, waren zwei der letzten Männer, die auf dem amerikanischen Festland die Stellung hielten.

    Datum: 9. November, Jahr 0

    Miller hat heute wieder die Lüftungsventile überprüft. Er tut das alle zwei Stunden, nur um etwas zu tun, zu haben. Der Schweiß steht ihm auf der Stirn, obwohl die Klimaanlage im Kontrollzentrum uns auf konstanten 20 Grad hält. Es ist die Angst, die ihn schwitzen lässt.

    Wir sind jetzt seit der Generalversammlung im August hier unten. Ich erinnere mich kaum noch an das Tageslicht. Der Flug mit dem Blackhawk von Kansas City hierher fühlt sich an wie aus einem anderen Leben. Ich sehe immer noch die Rauchsäulen über den Vororten von KC vor mir, als wir abhoben. Damals dachten wir, es seien nur Unruhen. „Eine temporäre Verlegung zur Sicherung der strategischen Kapazitäten“, hatte der Major gesagt. Temporär. Gott was für eine Lüge.

    Wir saßen heute beim Abendessen – gefriergetrocknetes Rindfleisch, wie jeden Tag – und starrten auf die dunklen Monitore. Miller brach das Schweigen.

    „Glaubst du, Moskau steht noch, Elias?“, fragte er. Er klang so hoffnungsvoll, als wäre ein brennendes Russland ein Zeichen dafür, dass bei uns alles okay ist.

    Ich zuckte nur mit den Schultern. „Wenn sie dort die gleiche Scheiße haben wie wir, dann schießen sie sich gerade gegenseitig in den Kopf. Oder sie warten in ihren Löchern wo wie wir.“

    Morgen müssen wir die Zielparameter neu kalibrieren. Der General am Funk war heute sehr deutlich: Manuelle Eingabe der Koordinaten-Sets 70 bis 95. Miller hat die Codes in seinem Handbuch nachgeschlagen. Er meint, das seien sicher die großen Industriekomplexe im Ural oder chinesische Hafenstädte.

    „Vielleicht kommt auch was rein“, sagte er leise. „Vielleicht fliegen die russischen Vögel schon und unsere Radarsatelliten sind einfach nur tot.“

    Die Vorstellung, dass da draußen bereits Sprengköpfe auf uns herabregnen, schien ihn fast zu beruhigen. Ein schneller Tod durch das Atom wäre ihm lieber als das, was wir über den Kurzwellenfunk fetzenweise mitbekommen haben.

    Miller hat ein Foto von seiner Frau und seinen zwei Mädchen an das Terminal geklebt. Sie leben in Alexandria, direkt vor den Toren von D. C. er hat heute den Schlüssel für die Startsequenz poliert. Er sagt, er tut es für sie. Um die Welt für sie sicher zu machen. Er freut sich fast darauf, morgen die Koordinaten für die „Rückeroberung“ einzugeben. Er glaubt fest daran, dass wir den Weg für die Truppen frei machen, die seine Familie retten werden.

    Datum: 10 November, Jahr 0

    09:12: Das rote Licht der EAM-Konsole leuchtet. Keine Übung. Der Code ist „Skyfall“. Die Stimme des Generals am Funk ist beängstigend ruhig. Er liest die Authentifizierungscodes vor. Miller tippt sie mit zitternden Fingern ein. Das System bestätigt: Valid Order.

    09:15: Der Streit beginnt. Der Befehl lautet: manuelle Zielvorgabe – set 70 Alpha bis 82 Delta. Miller starrt auf das Handbuch. Er fängt an zu zittern. „Elias … das ist nicht Russland. Das ist kein Gegenschlag.“ Ich sehe ihn an. „Tipp die Zahlen ein, Miller. Der General hat gesagt, es geht um die Rückeroberung.“ „Rückeroberung?!“, schreit Miller mich an. Er wirft das Handbuch gegen die Konsole. „Set 70 ist D. C.! 38 Grad Nord, 77 Grad West! Er will, dass wir das District beschießen! Er will, dass wir Alexandria auslöschen!“

    09:22 Uhr: Die Auseinandersetzung eskaliert. Miller weigert sich, die Eingabe abzuschließen. Er behauptet, die Frequenz sei gehackt worden. „Es sind die Chinesen, Elias! Es muss ein Deepfake sein! Sie nutzen die Stimme des Generals, um uns dazu zu bringen, uns selbst dazu zu bringen, uns selbst zu vernichten! Das ist ein Täuschungsmanöver, das ist die einzige Erklärung!“ Ich packe ihn an den Schultern. „Miller, hör mir zu! Es gibt kein China mehr! Es gibt kein Russland! Wir haben seit Wochen nichts mehr von dort gehört! Wenn der General sagt, wir müssen die Städte bombardieren damit unsere Truppen sie säubern können, dann tun wir das!“ „Dort ist meine Frau, verdammt! Meine Töchter!“ brüllt er mir ins Gesicht. Er zieht seine Dienstwaffe, zielt aber nicht auf mich, sondern auf den Computer. „Ich lasse nicht zu, dass du diesen Dreck eintippst!“

    09:40: Ein Patt. Ich ziehe meine Waffe nicht. Ich rede auf ihn ein. Ich lüge ihn an. Ich sage ihm, was er hören will.

    09:55 Uhr: Die Resignation

    Miller bricht zusammen. Er setzt sich in seinen Stuhl. Er wirkt wie eine leere Hülle. Er flüstert: „Vielleicht hast du recht. Vielleicht ist es der einzige Weg. Die Reinigung … damit alles wieder normal wird.“

    Wir führen die Zwei-Mann-Regel aus. Ich gebe die Koordinaten für Washington D. C., New York und Chicago ein. Die Konsole leuchtet grün: Targets Locked.

    10:02 Uhr: Der Start

    Wir halten beide unsere Schlüssel. „Auf Drei“, sage ich. – Eins, Zwei, Drei – das mechanische Geräusch der Schlösser ist das lauteste Geräusch, das ich je gehört habe. Ein tiefes Grollen erschüttert den Silo. Die Minuteman III verlässt den Schacht. Die Anzeigen schlagen aus. In 30 Minuten wird Alexandria aufhören zu existieren.

    Eine Illustration eines Raketenstarts aus einem großen, runden Schacht, umgeben von einer grünen Landschaft unter bewölktem Himmel.

    10:04 Uhr: der Schuss.

    Ich wollte gerade etwas sagen, etwas wie „Gott steh uns bei“. Aber da war nur dieses Knallen. Miller hat nicht gezögert. Er hat die M9 unter sein Kinn gesetzt und abgedrückt. Sein Blut ist überall auf dem Foto seiner Kinder. Er musste nicht warten, bis die Welt brennt. Er ist schon vorher gegangen.

    22:00 Uhr: Stille.

    Ich habe Millers Körper in den leeren Raketenschacht geschleift. Es war schwer, er war schwerer, als er aussah. Ich habe ihn dort unten gelassen, in der Tiefe, wo das Feuer der Rakete noch an den Wänden klebt.

    Ich habe die hydraulischen Schotttüren mit einer Axt zertrümmert. Niemand wird jemals wieder hier reinkommen. Miller hat sein Grab im Herzen Amerikas gefunden.

    Ich bin jetzt allein. Ich höre nur noch das Summen der Lüftung. Da draußen muss es jetzt sehr hell sein.

    Kommentar des Archivars: „Thorne hinterließ dieses Tagebuch als einzige Nachricht an eine Welt, von der er glaubte, sie existiere nicht mehr. Wir haben Millers Überreste im Schacht gefunden – genau dort, wo Thorne ihn zur ewigen Ruhe gebettet hatte. Sie sind stumme Zeugen des Augenblicks, in dem die Menschheit beschloss, ihre eigene Geschichte mit dem atomaren Radiergummi auszulöschen.“

    Titel: Bier, Bohnen und das Sterben der Signale

    Status: Geborgen aus den persönlichen Aufzeichnungen von Staff Sergeant Thorne

    Kategorie: Phase V – die nukleare Agonie (Dezember, Jahr 0)

    Tagebuch-Fragment: Staff Sergeant Elias Thorne

    Datum: 15. November Jahr 0

    Ich habe heute Morgen die Böden im Kontrollzentrum gewischt. Es gibt keinen Grund dazu, es läuft hier unten niemand außer mir herum, aber der Geruch von Desinfektionsmittel überdeckt den metallischen Beigeschmack der Luft. Disziplin ist alles, was mir geblieben ist. Wenn ich aufhöre, die Protokolle zu führen, gewinnt der Wahnsinn.

    Ich habe heute ein kleines Fest gefeiert. Jedenfalls nenne ich es so. Ich habe im hinteren Lagerraum eine Kiste gefunden, die Miller dort versteckt haben muss – wahrscheinlich für den Tag, an dem wir abgelöst werden sollten. Sechs Dosen Budweiser und eine Packung gesalzene Nüsse. Ich habe eine Dose geöffnet. Sie war warm und schmeckte nach Metall, aber es war das Beste, was ich seit Monaten getrunken habe. Ich habe auf Miller angestoßen. Er antwortet nicht mehr, aber das Schweigen im Schacht ist besser als das Radio.

    Der Status der Welt:

    Der Funk ist heute noch aktiv, aber es ist ein Chaos. Das Internet ist seit gestern Nacht komplett weg. Die Serverfarmen müssen wohl aufgegeben worden sein oder die Kabel sind geschmolzen.

    Ich habe die Kurzwelle gescannt. Hier ist, was ich heute aufgeschnappt habe:

    09:00 Uhr: Ein Piratensender aus dem pazifischen Nordwesten spielt in Dauerschleife „God Bless America“. Dazwischen liest eine Frau Namen vor. Tausende Namen. Es sind Vermisstenlisten. Sie weint nicht einmal mehr.

    11:30 Uhr: Ein offizieller Kanal der FEMA sendet automatisiert. Sie geben Anweisungen für Evakuierungszentren in Ohio, die es wahrscheinlich gar nicht mehr gibt. Sie sagen, man solle „ruhig bleiben und auf die Nationalgarde warten“. Ich wollte laut lachen, aber meine Kehle war zu trocken.

    14:00 Uhr: Das war das Seltsamste. Ein Signal aus Island. Es klang militärisch, sehr professionell. Sie haben Koordinaten durchgegeben und Schiffe angeworben. „Hier spricht Reykjavik. Wir haben Treibstoff, wir haben Brot, wir haben Waffen. Kommt nach Norden.“ Sie klingen so verdammt organisiert, als hätten sie den Rest von uns schon längst abgeschrieben.

    Mein Vorratsschrank sieht noch gut aus, wenn man auf Dosenfraß steht. Ich habe noch etwa 200 Einheiten „Mahlzeitenersatz“. Wenn ich rationiere, schaffe ich es bis zum Frühjahr. Aber wofür?

    Draußen zeigen die Sensoren der Außenhülle Werte an, die ich nicht verstehe. Die Strahlungswerte sinken langsam, aber die Temperatur ist innerhalb von zwei Tagen um 15 Grad gefallen. Der nukleare Winter, von dem sie immer gesprochen haben? Oder einfach nur ein verdammt kalter November in Montana?

    Ich werde jetzt die zweite Dose Bier trinken und versuchen, nicht an das Gesicht von Millers Frau zu denken, als wir den Schlüssel gedreht haben. Ich hoffe, das Bier macht mich müde genug, um das Kratzen an den äußeren Belüftungsschächten zu ignorieren. Ich weiß nicht, ob es der Wind ist oder ob dort oben doch noch etwas lebt.

    Titel: Die falsche Morgenröte

    Verfasser: Sir Michael Knoll

    Status: Rekonstruiert aus den Logbucheinträgen Ende Dezember, Jahr 0.

    Kategorie: Phase V – die nukleare Agonie

    Tagebuch-Fragment: Staff Sergeant Elias Thorne

    Datum: 28. Dezember, Jahr 0

    Ich habe die letzten Zwei Tage fast nur auf meiner Pritsche gelegen. Das Licht im Kontrollraum flackert jetzt rhythmisch, ein nervöses Zucken der Neonröhren. Das mich wahnsinnig macht. Ich hatte angefangen, die Stunden nicht mehr zu zählen. Warum auch? Die Welt da draußen ist ein Grab, und ich sitze in einer Urne.

    Aber heute … heute ist was passiert.

    Ich saß am Funkgerät, der Kopf auf den Armen, und hörte dem ewigen Rauschen zu. Es ist wie das Geräusch des Meeres, wenn das Meer aus statischer Elektrizität bestünde. Und dann, plötzlich, brach es durch. Ein Knacken, so scharf wie ein Peitschenhieb und dann eine Stimme. Verzerrt, abgehackt, aber unverkennbar militärisch.

    Ein Soldat kniet vor einem Bildschirm in einem verwahrlosten Raum mit alten Monitoren und Geräten.

    „…hier Victor-One-Niner… Strike bestätigt… Taktischer Gefechtskopf erfolgreich ausgebracht… Zielgruppe Delta-Alpha neutralisiert… Wir kehren auf Kurs Borealis-Nord zurück. Ende.“

    Ich bin aufgesprungen. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Victor-One-Niner. Das ist ein Rufzeichen der Navy. Ein U-Boot. Ein Atom-U-Boot da draußen ist noch aktiv! Sie führen Schläge aus! „Zielgruppe neutralisiert“ – das bedeutet, sie säubern die Küsten. Sie schlagen zurück. Der General hatte recht. Die Rückeroberung läuft!

    Sie haben „Borealis-Nord“ gesagt. Vielleicht ein Code-Name für ein Sammelbecken der Flotte? Vielleicht sammeln sie sich in Kanada oder Grönland?

    Plötzlich fühlte ich mich wieder wie ein Soldat. Ich bin zum Vorratsschrank gerannt und habe alles auf den Boden geworfen. Ich muss länger durchhalten. Wenn die Navy da draußen aufräumt, kommen sie irgendwann dann auch ins Landesinnere. Sie werden die Silos Entsperren.

    Mein neuer Rationierungsplan:

    • Frühstück: nur noch ein halber Becher Vitamin-Konzentrat. Das Wasser ist noch zu zwei Drittel voll, aber ich werde die Filter nur noch jeden zweiten Tag spülen.
    • Mittag: Ausfall. Komplett.
    • Abend: ein Drittel einer Ration „Mahlzeitersatz“. Ich habe noch 42 ungeöffnete Beutel. Wenn ich mich nicht bewege, wenn ich nur noch sitze und warte, kann ich das auf 80 Tage dehnen.
    • Der Whiskey: Er bleibt zu. Er ist jetzt wichtiger als je zuvor. Er ist die Belohnung für den Tag, an dem das U-Boot-Kommando die Luke aufsprengt.

    Ich habe heute wieder Liegestütz gemacht. 50 Stück. Ich bin vor Erschöpfung fast in Millers Blutfleck kollabiert, aber ich habe gelacht. Sie sind noch da draußen. Die USA sind nicht tot, sie schießen noch.

    Gott segne die Navy. Gott segne den borealen Norden, wo auch immer das ist.

    Kommentar des Archivars. Es ist schwer, diese Zeilen zu lesen, wenn man die Wahrheit kennt. Victor-One-Niner war die „USS Montana“ (welch Ironie des Schicksals), ein Boot, dessen Besatzung bereits Monate zuvor den Eid auf die isländische Militärführung abgelegt hatte. Der „Strike“ galt keinem Feind der USA, sondern einem unkontrolliert treibenden Verbund aus Hunderten Frachtern und Jachten, voll besetzt mit Infizierten und sterbenden Flüchtlingen mit Kurs auf die Färöer-Inseln. Island schützte seine Grenzen mit nuklearer Härte.

    Titel: Generalversammlung im Dunkeln

    Status: Tagebucheintrag, Ende Januar, Jahr 1

    Kategorie: Phase V – die nukleare Agonie

    Datum: Unbekannt (Jahr 1)

    Das Rot. Alles ist jetzt rot. Die Hauptreaktoren haben abgeschaltet, nur noch die Batteriebänke summen in der Tiefe. Das System sagt, wir sparen Energie für „essenzielle Funktionen“. Ich schätze, das Licht zum Lesen gehört nicht dazu. Ich schreibe das hier im Schein der EAM-Konsole.

    Mein Magen hat aufgehört zu schmerzen. Das ist ein schlechtes Zeichen, glaube ich. Er ist jetzt einfach nur leer und still, wie ein altes Haus. Ich habe heute die letzte Ration geteilt. Ein halber Beutel für heute, ein halber für … wann auch immer.

    Ein nachdenklicher Mann mit Bart sitzt in einer verwahrlosten Umgebung, umgeben von zwei schemenhaften Figuren. Vor ihm liegt eine Pistole und eine leere Flasche, während er ein Glas in der Hand hält.

    Aber die strategische Lage hat sich gebessert. Ich bin nicht mehr allein im Dienst.

    Ich habe heute lange mit General Washington gesprochen. Er kam über den Äther rein, ganz klar, trotz des Rauschens. Er trug diese alte Uniform, ich konnte sie fast durch den Lautsprecher riechen – Pulverdampf und nasses Pferdefell. Er fragte mich nach der Moral der Truppe. Ich sagte ihm, dass Miller schläft, aber das die Verteidigungslinien halten. Er nickte, ich glaube, er war zufrieden. Später schaltete sich General Lee ein. Er klang müde, genau wie ich. Er sprach über Virginia und darüber, dass m an manchmal den Boden niederbrennen muss, um ihn zu retten. Wir haben über die Koordinaten vom 10. November diskutiert. Er sagte, es sei eine „notwendige Flankenbewegung“ gewesen. Er nannte mich einen „guten Soldaten“. „Sergeant“, sagte Lee zu mir, „die Geschichte ist nur eine Reihe von Feuern. Wir sind die Männer, die die Fackeln halten“. Ich habe versucht, von dem U-Boot zu erzählen, von der Navy im Norden. Aber dann kam ein Major vom Kontinentalkongress dazwischen und beschwerte sich über den Mangel an Bajonetten. Ich habe gelacht, dass ich Blut gehustet habe.

    Statusbericht:

    • Vorräte: drei Beutel noch. Und der Whiskey.
    • Energie: Die Lüftung arbeitet nur noch 10 Minuten pro Stunde. Die Luft ist dick. Sie schmeckt nach verbrauchtem Atem und Miller.
    • Feindkontakt: Das Kratzen an der Luke ist weg. Jetzt ist es ein Klopfen. Ganz höflich. Tack-Tack-Tack.

    Ich habe den Whiskey heute in die Hand genommen. Das Glas war so kalt. Washington hat mir davon abgeraten. Er sagte ein, Offizier trinkt erst, wenn die Kapitulation unterzeichnet ist. Aber wir kapitulieren nicht, oder? Wir reinigen nur den Boden.

    Ich werde jetzt wieder Schach spielen. General Lee möchte die weißen Figuren. Er sagt, er hat genug von Grau.

    Titel: Bahamas und Blut

    Status: Tagebucheintrag, vermutlich Februar, Jahr 1

    Kategorie: Phase V – die nukleare Agonie

    Tagebuch-Fragment: Staff Sergeant Elias Thorne

    Datum: Keine Angabe möglich

    Das Licht kam heute wieder. Pünktlich. Die Maschinen haben mehr Disziplin als ich. Eine Stunde lang brennt die Deckenleuchte über dem Kontrollterminal, dann stirbt sie wieder für dreiundzwanzig Stunden.

    Ich sitze in der Mitte des Raumes auf dem Boden. Vor mir liegt die leere Packung der Hershey-Schokolade. Ich halte sie mir immer wieder an die Nase. Wenn ich die Augen fest schließe, kann ich den Zucker fast schmecken. Daneben steht der Whiskey. Ungeöffnet. Und Millers Pistole.

    Direkt über Millers leerem Stuhl hängt dieser verdammte Kalender. „Die schönsten Ziele der Welt“. Februar: die Bahamas. Weißer Sand, türkisfarbenes Wasser. Ich starre darauf, solange das Licht brennt. Ich frage mich, was sie dort zu Mittag essen. Gegrillten Fisch? Obst? Und ob sie dort noch Dollar nehmen? Ich habe noch zwanzig Dollar in der Tasche. Vielleicht reicht das für einen Drink mit einem dieser kleinen Schirmchen.

    Dann geht das Licht aus. Und die Gäste kommen.

    Es ist jetzt sehr voll hier unten. Julius Cäsar sitzt auf der Konsole und streitet mit Dschingis Khan über Logistik. Der Khan sagte, wir hätten die Pferde essen sollen. Cäsar will die Mauern befestigen.

    In der Ecke flüstern Hitler und Stalin miteinander. Sie klingen wie alte Freunde, die über die Effizienz von Eisenbahnen sprechen. Es ist widerlich, aber ich kann sie nicht wegschicken. Und da ist dieser Mann in Schwarz…

    Manchmal schlägt der Blitz ein und ich bin kurz wieder Elias. Ich denke mir dann: „Mensch Elias, hättest du mal Medizin studiert.“ Dann könnte ich jetzt vielleicht verstehen, warum mein Körper sich anfühlt, als wäre er aus Glas. Oder ich wäre bei der Navy. Aber nein, Gott bewahre. Auf die Navy kann man sich nicht verlassen. Ich warte seit Ewigkeiten auf ihre Schiffe, auf dieses U-Boot, aber sie kommen nicht. Wahrscheinlich haben sie sich verfahren. Typisch Navy.

    Ich habe heute versucht, Cäsar den Whiskey anzubieten, aber er sagt, er trinke nur Wein aus Gallien. Hitler wollte ihn auch nicht, er trinkt wohl nur Tee.

    Ich habe Angst vor der nächsten Dunkelheit. Wenn das Licht ausgeht, fangen sie wieder an zu schreien. Sie streiten darüber, wer die Welt am gründlichsten zerstört hat. Ich melde mich dann manchmal und sage: „Ich war es. Ich habe den Schlüssel gedreht.“ Dann schauen sie mich alle an. Und sie lächeln.

    Titel: Abmeldung in den Tod

    Status: Letzter Eintrag im Thorne-Logbuch, datiert vermutlich auf Ende Februar, Jahr 1

    Kategorie: Phase V – die nukleare Agonie

    Tagebuch-Fragment: Staff Sergeant Elias Thorne

    Datum: kein Zeitgefühl mehr, das Licht war gerade da.

    Das Licht ging am und plötzlich war der Nebel in meinem Kopf weg. Keine Generäle mehr, kein Kaiser. Nur ich. Ich sah mich um und schämte mich für den Dreck. Ich wunderte mich sogar, warum ich die ganzen Wochen im Dunkeln saß – ich habe hier überall Taschenlampen. Ich habe sie alle eingesammelt und im Kontrollraum aufgestellt. Es ist jetzt heller als in den letzten Monaten zusammen.

    Ich bin in mein Quartier gegangen. Es hat dort nach Stillstand gerochen. Ich habe meine alte Arbeitskleidung ausgezogen und mich gewaschen, so gut es mit dem kalten Restwasser ging. Dann habe ich meine Ausgangsuniform aus dem Schrank geholt. Ich habe die Schuhe poliert, bis ich mich darin spiegeln konnte (ich sehe schrecklich aus). Ich habe die Orden angesteckt (macht mehr Eindruck als so ein schmuckloses Ordensband). Sie fühlen sich schwer an, aber sie geben Halt.

    In meiner Feldkiste habe ich ihn gefunden: den Füllfederhalter von Großvater. Er schenkte ihn mir am Tag meiner Vereidigung. „Schreib die Geschichte auf, Elias“, hat er gesagt. „Schreib sie ehrlich auf“. Nun Opa, hier ist sie. Das Ende vom Lied.

    Ich bin zurück in den Kontrollraum. Die Pistole lag noch da, geduldig wie ein alter Hund. Der Whiskey auch. Ich bin zu meinem Sessel gegangen. Meinem Sessel. Dem Platz, von dem aus ich die Welt verbrannt habe.

    Ich habe die Flasche angesehen und laut gelacht. „Scheiß auf die Navy“, habe ich gesagt. Die kommen nicht mehr. Keiner kommt mehr.

    Ein nachdenklicher Mann in militärischer Kleidung sitzt in einem dunklen Raum, hält ein Glas in der Hand und hat eine Waffe auf des Tisch liegen. Im Hintergrund sind Kerzen und Flaschen sichtbar.

    Ich habe den Korken gezogen. Der Geruch von Kentucky-Eiche und Mais hat den ganzen Raum erfüllt. Ich habe mir das Glas randvoll eingegossen. Der erste Schluck hat in meiner Kehle gebrannt wie flüssiges Gold. Ich habe das Glas geleert, in einem Zug. Mein ganzer Körper hat gezittert, als die Wärme meine Glieder erreichte.

    Ich dachte kurz darüber nach, die ganze Flasche zu trinken. Aber ein Soldat lässt immer was für die Ablöse übrig. Vielleicht findet den Bunker ja doch noch jemand. Die Air Force, oder vielleicht ein Trupp Apachen, die durch die Prärie reiten. Ich habe mir noch einen kleinen Fingerbreit eingeschenkt.

    Ich habe das Glas gehoben und dem Kalender über Millers Platz zugeprostet. „Auf die Bahamas, Jungs“, flüsterte ich. „Ich hoffe, der Drink dort ist kalt“. Dann habe ich den letzten Schluck getrunken.

    Es ist Zeit. Die Taschenlampen werden schwächer. Ich spüre, wie die Batterien sterben. Aber das ist okay. Ich bin bereit.

    Ich habe meinen Dienst beendet und melde mich ab.

    Nachwort des Archivars: Thorne setzte sich nach diesem Eintrag wieder auf seinen Stuhl, legte das Logbuch ordentlich auf das Pult und nahm Millers Waffe auf. Ein einziger Schuss beendete die Isolation von Silo 4-Alpha. Als unsere Teams den Silo im Jahr 12 öffneten, fanden sie ihn dort sitzen. Aufrecht in seiner blauen Uniform, die Hand noch locker am Whiskeyglas. Wir haben beide an der Oberfläche mit allen militärischen Ehren begraben.

    Das war es wieder einmal, ich hoffe Sie fanden den Text in einem ähnlichen Ausmaß so interessant wie ich und verabschiede mich. Ich wünsche noch einen schönen Abend, bleiben Sie mir gewogen, bis bald.

  • Es gibt keine Denkverbote

    Ein herzliches Willkommen, ich freue mich sehr, dass ich Sie wieder begrüßen darf. Heute hab ich ganz besonderes Material auf meinem Schreibtisch. Sie werden sich sicher fragen, was es mit dem Denkverbot auf sich hat. Nun mein erstes Fundstück beschäftigt sich mit dem Umstand, dass Russland schon sehr früh auch an sein Kernwaffenpotenzial dachte. Dank eines Kollegen, der durch Zufall über ein Sitzungsprotokoll des deutschen Bundestages stolperte bekommen wir einen Einblick in die Entscheidungsschwäche der deutschen Politik, die schlussendlich dem Virus nur entgegenkam. Neben diesen beiden Punkten müssen wir auch die Zeugenaussage eines ehemaligen griechischen Matrosen einordnen. Beginnen wir also mit dem Beitrag aus Russland.

    Eine zerstörte Stadt mit einem riesigen Atompilz über der Szenerie, umgeben von dunklen Wolken und Rauch.

    STRENG GEHEIM NUR FÜR DEN PERSÖNLICHEN GEBRAUCH – NACH EINTRAG ZU VERNICHTEN

    DATUM: ?, 23:54 Uhr ORT: Gefechtsstand „Objekt 402“, 300 Meter unter der Erdoberfläche

    Ich habe in den letzten dreißig Jahren vieles gesehen. Ich habe Übungen mitgemacht, bei denen wir den Untergang der Welt simuliert haben. Aber was heute Nacht geschah, entzieht sich jeder militärischen Logik, die ich jemals gelernt habe.

    Um 21:15 Uhr traf das rote Kurierpaket ein. Direkt aus dem Kreml, bestätigt durch den Generalstab. Ich dachte erst an eine Übung zur Überprüfung der Reaktionszeit – das tun sie oft, wenn der Westen wieder züngelt. Doch als ich die versiegelten Umschläge mit den neuen Zielkoordinaten öffnete, fühlte ich eine Kälte, die kein Beton der Welt abhalten kann.

    Wir haben die Zielkoordinaten für fast die Hälfte unserer landgestützten Interkontinentalraketen geändert. Aber nicht auf Washington, London oder Paris. Die neuen Koordinaten liegen in den südlichen Ballungszentren, in unseren eigenen östlichen Industriegebieten und entlang der westlichen Grenzstädte. Wir richten unsere Schwerter gegen unseren eigenen Körper. Rostow, Krasnodar, Wladiwostok…

    Ich konnte es nicht fassen. Ich griff zum abhörsicheren Telefon und verlangte meinen direkten Vorgesetzten, Marschall Schaposchnikow. Meine Stimme zitterte nicht, aber sie war belegt von Unglauben.

    „Marschall“, sagte ich, „hier muss ein schwerwiegender Irrtum vorliegen. Ein technischer Fehler bei der Datenübermittlung oder ein Kompromiss des Systems. Die neuen Ziele liegen innerhalb unserer Föderation. Der Feind lauert im Westen, hinter der NATO-Linie. Warum zielen wir auf unsere eigenen Leute?“

    Es herrschte eine lange Stille am anderen Ende der Leitung. Ich hörte nur das schwere Atmen des Marschalls, das Rascheln von Papier und im Hintergrund – was ich mir nur als das ferne Echo von Schüssen in einem Korridor vorstellen konnte.

    Dann antwortete er, seine Stimme klang hohl, wie aus einem Grab: „Nein, Antonow. Es ist kein Fehler. Der Feind befindet sich bereits in Russland. Er ist mitten unter uns. Befolgen Sie Ihre Befehle ohne weitere Fragen. Stellen Sie die Einsatzbereitschaft unverzüglich her.“

    Ich habe den Befehl weitergegeben. Meine Männer an den Konsolen schauen mich mit hohlen Augen an. Sie wissen nicht, was sie da programmieren, aber sie spüren, dass die Welt da draußen gerade aufhört zu existieren. Wenn ich den Schlüssel drehe, werde ich der Henker meiner eigenen Nation sein.

    Gott stehe uns bei, wenn er noch zuschaut.

    Nur kurze Zeit später starteten die ersten Raketen.

    Kommen wir nun zu einer Nation, die nicht so entscheidungsfreudig war, wobei man sagen muss, dass die Staaten in Mitteleuropa nicht dafür bekannt waren spontan zu handeln. Hier konnte ein Entscheidungsprozess schon einige Zeit in Anspruch nehmen. Aber zur Ehrenrettung sollte man trotz allem anmerken, dass es auch Russland nicht gelang den Erreger auszubremsen.

    Eine leidenschaftliche Frau spricht wütend während einer Anhörung und zeigt mit dem Finger auf das Publikum.

    DEUTSCHER BUNDESTAG

    22. Wahlperiode

    Protokoll der 142. Sitzung (Sondersitzung)

    Vorsitz: Präsidentin des Deutschen Bundestages, Helene Schwarz

    Gegenstand: Erklärung der Bundesregierung zur aktuellen pandemischen Sicherheitslage


    Ablauf der Sitzung

    Präsidentin Helene Schwarz:

    (Eröffnet die Sitzung unter massivem Lärmpegel im Saal)

    „Meine Damen und Herren, bitte nehmen Sie Platz! Wir befinden uns in einer nationalen Tragödie, aber das ist kein Grund, die parlamentarische Ordnung preiszugeben. Herr Abgeordneter Meyer, setzen Sie sich! Ich rufe die Sitzung zur Ordnung. Das Wort hat die Bundeskanzlerin.“

    Bundeskanzlerin Dr. Karin Altmost:

    (Tritt ans Rednerpult. Sie wirkt blass, aber entschlossen)

    „Frau Präsidentin, meine Damen und Herren. Wir stehen vor einer Prüfung, wie sie die Bundesrepublik noch nie erlebt hat. Die Berichte aus Dresden, Leipzig und Frankfurt an der Oder sind erschütternd. Weite Teile Sachsens und Brandenburgs sind nicht mehr unter staatlicher Kontrolle. Auch in Berlin-Mitte, nur wenige Kilometer von hier, kämpfen unsere Polizeikräfte einen aussichtslosen Kampf gegen die Infizierten. Die Exekutive ist personell am Ende.“

    Zwischenruf eines Abgeordneten (Opposition):

    „Dann schicken Sie endlich die Panzer! Worauf warten Sie?“

    Dr. Karin Altmost:

    „Ich werde den Befehl zum Einsatz der Bundeswehr im Inneren – über die Amtshilfe hinaus – nicht unterzeichnen. (Unruhe im Saal) Hören Sie mir zu! Die Geschichte dieses Landes lehrt uns, was passiert, wenn wir die Grenze zwischen innerer und äußerer Sicherheit dauerhaft einreißen. Eine Remilitarisierung der Gesellschaft unter dem Vorwand der Notwehr öffnet die Tür für Kräfte, die wir mühsam besiegt geglaubt haben. Ob faschistisches Gedankengut oder kommunistische Willkür – ein bewaffneter Einsatz gegen die eigene Bevölkerung, egal in welchem Zustand sie sich befindet, zerstört das demokratische Fundament Deutschlands!“

    Präsidentin Helene Schwarz:

    (Unterbricht die Kanzlerin, ihre Stimme ist zittrig)

    „Frau Kanzlerin, bei allem Respekt vor dem Grundgesetz… die Polizei in Chemnitz existiert de facto nicht mehr. Die Menschen werden in ihren Häusern belagert. Ist die Theorie wichtiger als das nackte Überleben?“

    Abgeordneter Dr. Weber (Regierungsfraktion!):

    (Steht auf, ohne das Wort zu haben)

    „Karin, das ist Wahnsinn! Unsere Wähler werden gefressen, während wir hier über historische Sensibilitäten debattieren! Wir brauchen die Pioniere, wir brauchen die medizinischen Korps der Armee!“

    Dr. Karin Altmost:

    (Schlägt aufs Pult)

    „Ich werde nicht die Kanzlerin sein, die das Kriegsrecht ausruft und damit den Weg für einen neuen Totalitarismus ebnet! Wir werden die zivilen Strukturen stärken, koste es, was es wolle.“


    Debattenverlauf (Auszug)

    Die anschließende Debatte war geprägt von nie dagewesener Schärfe. Abgeordnete fast aller Fraktionen schilderten verzweifelte Nachrichten aus ihren Wahlkreisen.

    • Abgeordneter Lindner (Opposition): Warf der Kanzlerin „dogmatische Blindheit“ vor. Er forderte die sofortige Mobilmachung, um die Evakuierungskorridore aus Berlin-Ost zu sichern.
    • Präsidentin Helene Schwarz: (Greift erneut ein) „Ich muss dem Kollegen Lindner hier beipflichten. Wenn wir jetzt nicht handeln, wird es keinen Bundestag mehr geben, den man vor Militarismus schützen könnte.“

    Wortgefecht zwischen Kanzlerin und Abgeordneten:

    RednerInhalt
    Abg. Schmidt„In Frankfurt/Oder patrouillieren keine Polizisten mehr, sondern Untote!“
    Kanzlerin Altmost„Und Sie wollen, dass Soldaten dort das Feuer eröffnen? Das ist ein Tabubruch, den diese Republik nicht überlebt.“
    Präsidentin Schwarz„Frau Kanzlerin, die Republik überlebt gerade physisch nicht!“

    Abstimmung

    Gegenstand: Dringlichkeitsantrag der Opposition auf sofortigen Einsatz der Bundeswehr im Inneren zur Bekämpfung der Z-Virus-Pandemie und Sicherung der Städte.

    Ergebnis:

    Obwohl die Debatte eine klare Sprache sprach und selbst die Bundestagspräsidentin offen mit dem Antrag sympathisierte, zeigte sich bei der namentlichen Abstimmung das Bild der parlamentarischen Disziplin:

    • Ja-Stimmen: 285 (Opposition und vereinzelte Abweichler der Regierung)
    • Nein-Stimmen: 340 (Regierungsfraktionen)
    • Enthaltungen: 12

    Ergebnis: Der Antrag ist abgelehnt.

    Präsidentin Helene Schwarz:

    (Mit belegter Stimme)

    „Der Antrag ist abgelehnt. Die Regierungsfraktionen haben geschlossen gegen den Einsatz gestimmt. Gott stehe uns bei. Die Sitzung ist geschlossen. Bitte begeben Sie sich umgehend in die gesicherten Tiefbereiche des Hauses.“

    Bei genaueren Blick auf diese Debatte verwundert es nicht, dass Europa so ein leichtes Opfer war. Die größte Volkswirtschaft des Kontinentes streckte ihre Waffen ja schon beinahe freiwillig.

    Kommen wir nun zum Abschluss, den bildet heute der Bericht eines griechischen Matrosen und stammt von der Frühphase der Pandemie. Er war Teil einer Mission, die „seltsame“ Vorfälle auf vorgelagerten griechischen Inseln zu untersuchen hatten.

    Zwei Soldaten rennen aus einem Boot, während sie Gewehre tragen. Im Hintergrund sind verwüstete Figuren zu sehen, die dem Chaos entkommen.

    PROTOKOLL ÜBER DIE MISSION „SANTORINI-DELTA“ BERICHTERSTATTER: Nikolas Pappas, Matrose 1. Klasse (Hellenische Küstenwache) STATUS: Überlebender / In Quarantäne an Bord der ITS Giuseppe Garibaldi

    Die Landung
    Wir erreichten den Hafen um 09:00 Uhr. Es war totenstill. Keine Fischerboote, kein Funkverkehr, nur das Klatschen der Wellen gegen die Kaimauer. Ich ging mit zwei Polizisten der Sondereinheit und einem Sanitäter namens Aris an Land. Der Hafen war völlig leer – keine Leichen, kein Blut, nur verlassene Autos, deren Türen offenstanden. Wir hielten das für ein Zeichen einer Evakuierung und rückten etwa 1,5 Kilometer ins Landesinnere vor, Richtung der nächsten Ortschaft.

    Der Erstkontakt
    Mitten auf der Dorfstraße saß eine Person. Sie wirkte apathisch, den Rücken zu uns gekehrt. Als der Polizist Dimitris sie ansprach und ihr die Hand auf die Schulter legte, drehte sie sich mit einer Geschwindigkeit um, die unnatürlich war. Bevor jemand reagieren konnte, hatte sich diese Gestalt in Dimitris’ Gesicht verbissen.

    Wir versuchten, sie zu trennen. Wir schlugen auf den Angreifer ein, zerrten an ihm, aber er spürte keinen Schmerz. Der andere Polizist und ich zogen unsere Waffen. Wir feuerten drei Mal direkt in den Torso des Angreifers. Er blutete kaum, und er ließ nicht los. Erst als Dimitris aufhörte zu schreien, ließen wir von ihm ab. Wir sahen weitere Gestalten, die aus den Gassen kamen – wankend, aber zielstrebig. Der Rückweg zum Hafen war bereits durch sie versperrt.

    Das Haus des Grauens
    In der Panik flüchteten wir in ein offen stehendes Haus. Der Gestank im Inneren war unerträglich. Im Wohnzimmer stießen wir auf etwa sieben dieser Wesen. Sie knieten im Kreis um etwas auf dem Boden – eine Leiche, die sie gerade systematisch verspeisten. Als sie uns bemerkten, erhoben sie sich zeitgleich. Es gab keinen Ausweg mehr. Ich schrie: „Lauft einfach!“, und wir setzten alles auf eine Karte. Wir stürmten blindlings durch die Reihen dieser Gestalten hindurch. Ich spürte ihre kalten, blutverschmierten Hände an meiner Jacke, aber wir schafften es ins Freie.

    Die Flucht ins Meer
    Kurz vor dem Hafen hörten wir Schüsse. Unsere Kameraden auf dem Boot hatten das Feuer eröffnet, weil die ersten Untoten bereits die Kaimauer erreicht hatten. Das Boot legte panisch ab. Uns blieb keine Wahl: Wir sprangen ins Hafenbecken und schwammen mit letzter Kraft. Aris, der Sanitäter, schaffte es gerade noch so an Bord.

    Der Kapitän gab in der Panik Vollgas und riss das Ruder herum. Es gab ein furchtbares metallisches Kreischen – der Motor überhitzte oder wurde durch Trümmer im Wasser beschädigt. Wir trieben manövrierunfähig aufs offene Meer hinaus.

    Rettung durch die Italiener
    Drei Tage trieben wir in der glühenden Hitze. Wir dachten, wir wären die Letzten. Dann sahen wir ihn am Horizont: Den italienischen Flugzeugträger. Er wirkte wie eine schwimmende Stadt. Überall an Deck waren Menschen, Zivilisten, Flüchtlinge. Sie nahmen uns auf, aber die Nachricht der Italiener war niederschmetternd: Das Festland ist gefallen. Ganz Italien, ganz Griechenland… es gibt kein „Zuhause“ mehr, zu dem wir zurückkehren könnten. Wir sind jetzt Nomaden auf dem Wasser.

    Ich habe jetzt mein Pulver für den heutigen Tag verschossen und möchte Sie mit besten Wünschen entlassen. Bleiben Sie mir gewogen. Ich würde mich freuen, Sie ein weiteres mal hier begrüßen zu dürfen. Auf meinem Schreibtisch wartet noch der eine oder andere Informationsschatz.