Es gibt keine Denkverbote

Ein herzliches Willkommen, ich freue mich sehr, dass ich Sie wieder begrüßen darf. Heute hab ich ganz besonderes Material auf meinem Schreibtisch. Sie werden sich sicher fragen, was es mit dem Denkverbot auf sich hat. Nun mein erstes Fundstück beschäftigt sich mit dem Umstand, dass Russland schon sehr früh auch an sein Kernwaffenpotenzial dachte. Dank eines Kollegen, der durch Zufall über ein Sitzungsprotokoll des deutschen Bundestages stolperte bekommen wir einen Einblick in die Entscheidungsschwäche der deutschen Politik, die schlussendlich dem Virus nur entgegenkam. Neben diesen beiden Punkten müssen wir auch die Zeugenaussage eines ehemaligen griechischen Matrosen einordnen. Beginnen wir also mit dem Beitrag aus Russland.

Eine zerstörte Stadt mit einem riesigen Atompilz über der Szenerie, umgeben von dunklen Wolken und Rauch.

STRENG GEHEIM NUR FÜR DEN PERSÖNLICHEN GEBRAUCH – NACH EINTRAG ZU VERNICHTEN

DATUM: ?, 23:54 Uhr ORT: Gefechtsstand „Objekt 402“, 300 Meter unter der Erdoberfläche

Ich habe in den letzten dreißig Jahren vieles gesehen. Ich habe Übungen mitgemacht, bei denen wir den Untergang der Welt simuliert haben. Aber was heute Nacht geschah, entzieht sich jeder militärischen Logik, die ich jemals gelernt habe.

Um 21:15 Uhr traf das rote Kurierpaket ein. Direkt aus dem Kreml, bestätigt durch den Generalstab. Ich dachte erst an eine Übung zur Überprüfung der Reaktionszeit – das tun sie oft, wenn der Westen wieder züngelt. Doch als ich die versiegelten Umschläge mit den neuen Zielkoordinaten öffnete, fühlte ich eine Kälte, die kein Beton der Welt abhalten kann.

Wir haben die Zielkoordinaten für fast die Hälfte unserer landgestützten Interkontinentalraketen geändert. Aber nicht auf Washington, London oder Paris. Die neuen Koordinaten liegen in den südlichen Ballungszentren, in unseren eigenen östlichen Industriegebieten und entlang der westlichen Grenzstädte. Wir richten unsere Schwerter gegen unseren eigenen Körper. Rostow, Krasnodar, Wladiwostok…

Ich konnte es nicht fassen. Ich griff zum abhörsicheren Telefon und verlangte meinen direkten Vorgesetzten, Marschall Schaposchnikow. Meine Stimme zitterte nicht, aber sie war belegt von Unglauben.

„Marschall“, sagte ich, „hier muss ein schwerwiegender Irrtum vorliegen. Ein technischer Fehler bei der Datenübermittlung oder ein Kompromiss des Systems. Die neuen Ziele liegen innerhalb unserer Föderation. Der Feind lauert im Westen, hinter der NATO-Linie. Warum zielen wir auf unsere eigenen Leute?“

Es herrschte eine lange Stille am anderen Ende der Leitung. Ich hörte nur das schwere Atmen des Marschalls, das Rascheln von Papier und im Hintergrund – was ich mir nur als das ferne Echo von Schüssen in einem Korridor vorstellen konnte.

Dann antwortete er, seine Stimme klang hohl, wie aus einem Grab: „Nein, Antonow. Es ist kein Fehler. Der Feind befindet sich bereits in Russland. Er ist mitten unter uns. Befolgen Sie Ihre Befehle ohne weitere Fragen. Stellen Sie die Einsatzbereitschaft unverzüglich her.“

Ich habe den Befehl weitergegeben. Meine Männer an den Konsolen schauen mich mit hohlen Augen an. Sie wissen nicht, was sie da programmieren, aber sie spüren, dass die Welt da draußen gerade aufhört zu existieren. Wenn ich den Schlüssel drehe, werde ich der Henker meiner eigenen Nation sein.

Gott stehe uns bei, wenn er noch zuschaut.

Nur kurze Zeit später starteten die ersten Raketen.

Kommen wir nun zu einer Nation, die nicht so entscheidungsfreudig war, wobei man sagen muss, dass die Staaten in Mitteleuropa nicht dafür bekannt waren spontan zu handeln. Hier konnte ein Entscheidungsprozess schon einige Zeit in Anspruch nehmen. Aber zur Ehrenrettung sollte man trotz allem anmerken, dass es auch Russland nicht gelang den Erreger auszubremsen.

Eine leidenschaftliche Frau spricht wütend während einer Anhörung und zeigt mit dem Finger auf das Publikum.

DEUTSCHER BUNDESTAG

22. Wahlperiode

Protokoll der 142. Sitzung (Sondersitzung)

Vorsitz: Präsidentin des Deutschen Bundestages, Helene Schwarz

Gegenstand: Erklärung der Bundesregierung zur aktuellen pandemischen Sicherheitslage


Ablauf der Sitzung

Präsidentin Helene Schwarz:

(Eröffnet die Sitzung unter massivem Lärmpegel im Saal)

„Meine Damen und Herren, bitte nehmen Sie Platz! Wir befinden uns in einer nationalen Tragödie, aber das ist kein Grund, die parlamentarische Ordnung preiszugeben. Herr Abgeordneter Meyer, setzen Sie sich! Ich rufe die Sitzung zur Ordnung. Das Wort hat die Bundeskanzlerin.“

Bundeskanzlerin Dr. Karin Altmost:

(Tritt ans Rednerpult. Sie wirkt blass, aber entschlossen)

„Frau Präsidentin, meine Damen und Herren. Wir stehen vor einer Prüfung, wie sie die Bundesrepublik noch nie erlebt hat. Die Berichte aus Dresden, Leipzig und Frankfurt an der Oder sind erschütternd. Weite Teile Sachsens und Brandenburgs sind nicht mehr unter staatlicher Kontrolle. Auch in Berlin-Mitte, nur wenige Kilometer von hier, kämpfen unsere Polizeikräfte einen aussichtslosen Kampf gegen die Infizierten. Die Exekutive ist personell am Ende.“

Zwischenruf eines Abgeordneten (Opposition):

„Dann schicken Sie endlich die Panzer! Worauf warten Sie?“

Dr. Karin Altmost:

„Ich werde den Befehl zum Einsatz der Bundeswehr im Inneren – über die Amtshilfe hinaus – nicht unterzeichnen. (Unruhe im Saal) Hören Sie mir zu! Die Geschichte dieses Landes lehrt uns, was passiert, wenn wir die Grenze zwischen innerer und äußerer Sicherheit dauerhaft einreißen. Eine Remilitarisierung der Gesellschaft unter dem Vorwand der Notwehr öffnet die Tür für Kräfte, die wir mühsam besiegt geglaubt haben. Ob faschistisches Gedankengut oder kommunistische Willkür – ein bewaffneter Einsatz gegen die eigene Bevölkerung, egal in welchem Zustand sie sich befindet, zerstört das demokratische Fundament Deutschlands!“

Präsidentin Helene Schwarz:

(Unterbricht die Kanzlerin, ihre Stimme ist zittrig)

„Frau Kanzlerin, bei allem Respekt vor dem Grundgesetz… die Polizei in Chemnitz existiert de facto nicht mehr. Die Menschen werden in ihren Häusern belagert. Ist die Theorie wichtiger als das nackte Überleben?“

Abgeordneter Dr. Weber (Regierungsfraktion!):

(Steht auf, ohne das Wort zu haben)

„Karin, das ist Wahnsinn! Unsere Wähler werden gefressen, während wir hier über historische Sensibilitäten debattieren! Wir brauchen die Pioniere, wir brauchen die medizinischen Korps der Armee!“

Dr. Karin Altmost:

(Schlägt aufs Pult)

„Ich werde nicht die Kanzlerin sein, die das Kriegsrecht ausruft und damit den Weg für einen neuen Totalitarismus ebnet! Wir werden die zivilen Strukturen stärken, koste es, was es wolle.“


Debattenverlauf (Auszug)

Die anschließende Debatte war geprägt von nie dagewesener Schärfe. Abgeordnete fast aller Fraktionen schilderten verzweifelte Nachrichten aus ihren Wahlkreisen.

  • Abgeordneter Lindner (Opposition): Warf der Kanzlerin „dogmatische Blindheit“ vor. Er forderte die sofortige Mobilmachung, um die Evakuierungskorridore aus Berlin-Ost zu sichern.
  • Präsidentin Helene Schwarz: (Greift erneut ein) „Ich muss dem Kollegen Lindner hier beipflichten. Wenn wir jetzt nicht handeln, wird es keinen Bundestag mehr geben, den man vor Militarismus schützen könnte.“

Wortgefecht zwischen Kanzlerin und Abgeordneten:

RednerInhalt
Abg. Schmidt„In Frankfurt/Oder patrouillieren keine Polizisten mehr, sondern Untote!“
Kanzlerin Altmost„Und Sie wollen, dass Soldaten dort das Feuer eröffnen? Das ist ein Tabubruch, den diese Republik nicht überlebt.“
Präsidentin Schwarz„Frau Kanzlerin, die Republik überlebt gerade physisch nicht!“

Abstimmung

Gegenstand: Dringlichkeitsantrag der Opposition auf sofortigen Einsatz der Bundeswehr im Inneren zur Bekämpfung der Z-Virus-Pandemie und Sicherung der Städte.

Ergebnis:

Obwohl die Debatte eine klare Sprache sprach und selbst die Bundestagspräsidentin offen mit dem Antrag sympathisierte, zeigte sich bei der namentlichen Abstimmung das Bild der parlamentarischen Disziplin:

  • Ja-Stimmen: 285 (Opposition und vereinzelte Abweichler der Regierung)
  • Nein-Stimmen: 340 (Regierungsfraktionen)
  • Enthaltungen: 12

Ergebnis: Der Antrag ist abgelehnt.

Präsidentin Helene Schwarz:

(Mit belegter Stimme)

„Der Antrag ist abgelehnt. Die Regierungsfraktionen haben geschlossen gegen den Einsatz gestimmt. Gott stehe uns bei. Die Sitzung ist geschlossen. Bitte begeben Sie sich umgehend in die gesicherten Tiefbereiche des Hauses.“

Bei genaueren Blick auf diese Debatte verwundert es nicht, dass Europa so ein leichtes Opfer war. Die größte Volkswirtschaft des Kontinentes streckte ihre Waffen ja schon beinahe freiwillig.

Kommen wir nun zum Abschluss, den bildet heute der Bericht eines griechischen Matrosen und stammt von der Frühphase der Pandemie. Er war Teil einer Mission, die „seltsame“ Vorfälle auf vorgelagerten griechischen Inseln zu untersuchen hatten.

Zwei Soldaten rennen aus einem Boot, während sie Gewehre tragen. Im Hintergrund sind verwüstete Figuren zu sehen, die dem Chaos entkommen.

PROTOKOLL ÜBER DIE MISSION „SANTORINI-DELTA“ BERICHTERSTATTER: Nikolas Pappas, Matrose 1. Klasse (Hellenische Küstenwache) STATUS: Überlebender / In Quarantäne an Bord der ITS Giuseppe Garibaldi

Die Landung
Wir erreichten den Hafen um 09:00 Uhr. Es war totenstill. Keine Fischerboote, kein Funkverkehr, nur das Klatschen der Wellen gegen die Kaimauer. Ich ging mit zwei Polizisten der Sondereinheit und einem Sanitäter namens Aris an Land. Der Hafen war völlig leer – keine Leichen, kein Blut, nur verlassene Autos, deren Türen offenstanden. Wir hielten das für ein Zeichen einer Evakuierung und rückten etwa 1,5 Kilometer ins Landesinnere vor, Richtung der nächsten Ortschaft.

Der Erstkontakt
Mitten auf der Dorfstraße saß eine Person. Sie wirkte apathisch, den Rücken zu uns gekehrt. Als der Polizist Dimitris sie ansprach und ihr die Hand auf die Schulter legte, drehte sie sich mit einer Geschwindigkeit um, die unnatürlich war. Bevor jemand reagieren konnte, hatte sich diese Gestalt in Dimitris’ Gesicht verbissen.

Wir versuchten, sie zu trennen. Wir schlugen auf den Angreifer ein, zerrten an ihm, aber er spürte keinen Schmerz. Der andere Polizist und ich zogen unsere Waffen. Wir feuerten drei Mal direkt in den Torso des Angreifers. Er blutete kaum, und er ließ nicht los. Erst als Dimitris aufhörte zu schreien, ließen wir von ihm ab. Wir sahen weitere Gestalten, die aus den Gassen kamen – wankend, aber zielstrebig. Der Rückweg zum Hafen war bereits durch sie versperrt.

Das Haus des Grauens
In der Panik flüchteten wir in ein offen stehendes Haus. Der Gestank im Inneren war unerträglich. Im Wohnzimmer stießen wir auf etwa sieben dieser Wesen. Sie knieten im Kreis um etwas auf dem Boden – eine Leiche, die sie gerade systematisch verspeisten. Als sie uns bemerkten, erhoben sie sich zeitgleich. Es gab keinen Ausweg mehr. Ich schrie: „Lauft einfach!“, und wir setzten alles auf eine Karte. Wir stürmten blindlings durch die Reihen dieser Gestalten hindurch. Ich spürte ihre kalten, blutverschmierten Hände an meiner Jacke, aber wir schafften es ins Freie.

Die Flucht ins Meer
Kurz vor dem Hafen hörten wir Schüsse. Unsere Kameraden auf dem Boot hatten das Feuer eröffnet, weil die ersten Untoten bereits die Kaimauer erreicht hatten. Das Boot legte panisch ab. Uns blieb keine Wahl: Wir sprangen ins Hafenbecken und schwammen mit letzter Kraft. Aris, der Sanitäter, schaffte es gerade noch so an Bord.

Der Kapitän gab in der Panik Vollgas und riss das Ruder herum. Es gab ein furchtbares metallisches Kreischen – der Motor überhitzte oder wurde durch Trümmer im Wasser beschädigt. Wir trieben manövrierunfähig aufs offene Meer hinaus.

Rettung durch die Italiener
Drei Tage trieben wir in der glühenden Hitze. Wir dachten, wir wären die Letzten. Dann sahen wir ihn am Horizont: Den italienischen Flugzeugträger. Er wirkte wie eine schwimmende Stadt. Überall an Deck waren Menschen, Zivilisten, Flüchtlinge. Sie nahmen uns auf, aber die Nachricht der Italiener war niederschmetternd: Das Festland ist gefallen. Ganz Italien, ganz Griechenland… es gibt kein „Zuhause“ mehr, zu dem wir zurückkehren könnten. Wir sind jetzt Nomaden auf dem Wasser.

Ich habe jetzt mein Pulver für den heutigen Tag verschossen und möchte Sie mit besten Wünschen entlassen. Bleiben Sie mir gewogen. Ich würde mich freuen, Sie ein weiteres mal hier begrüßen zu dürfen. Auf meinem Schreibtisch wartet noch der eine oder andere Informationsschatz.

Kommentare

One response to “Es gibt keine Denkverbote”

  1. Avatar von starstruckpaper2c6164392e
    starstruckpaper2c6164392e

    Malta hat Mauern…?

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