Schlagwort: Vietnam

  • Ein Bericht aus Vietnam

    Den vermutlich ersten Fall aus Vietnam, den Bericht eines US-amerikanischen Pathologen, eine Aufzeichnung des isländischen Anwerbungsfunkes und die Heimatsuche eines indischen Zerstörers.

    Vietnam

    Bei diesem Dokument handelt es sich um die Telekommunikation zwischen einem französischen Medizinstudenten und seinem Professor. Der Datensatz stammt aus der Frühphase der Pandemie und gilt heute als einer der ersten bestätigten Fälle des Reanimationssyndroms.

    Ein verlassener und verwahrloster Krankenhausraum mit mehreren leeren Betten, die mit dreckigen Laken bedeckt sind. Die Wände sind beschädigt und die Fenster sind schmutzig, mit schwachem Licht, das durch die Ritzen scheint.

    Transkript: Audio-Log 04-06-00-VN

    Datum: 04. Juni, Jahr 0

    Zeit: 21:42 Uhr Ortszeit

    Teilnehmer: * Dr. Marc-André Beaumont (Feldstation Mường Lống)

    Professor Dr. Nguyen Van Thiep (Hanoi Medical University)

    (Rauschen in der Leitung, das Klicken einer instabilen Verbindung)

    Prof. Thiep: Beaumont? Sind Sie das? Ich habe kaum Empfang. Was gibt es so Dringendes, dass Sie mich auf meinem privaten Anschluss stören?

    Dr. Beaumont: Herr Professor, Verzeihung für die späte Stunde. Ich… ich musste Sie anrufen. Die Lage hier in Mường Lống ist… sie ist bizarr. Ich habe die Patienten gesichtet. Es sind etwa ein Dutzend in der ersten Hütte.

    Prof. Thiep: (seufzt hörbar) Ein Dutzend? Also doch ein lokaler Infektionsherd. Haben Sie die Stuhlproben für den Cholera-Schnelltest vorbereitet?

    Dr. Beaumont: Das ist es ja, Monsieur. Ich konnte bisher nur drei Patienten oberflächlich untersuchen. Sie sind unmittelbar nach meiner Ankunft in einen Zustand gefallen, der wie ein tiefes Koma wirkt. Die anderen… nun, ich vermute, sie sind bereits verstorben. Sie liegen völlig reglos da. Aber ich muss mir das morgen bei Tageslicht genauer ansehen, die Lichtverhältnisse hier sind katastrophal.

    Prof. Thiep: Sie „vermuten“, sie seien verstorben? Beaumont, Sie sind im letzten Jahr Ihres Internships. Ein Blick auf die Pupillenreaktion, das Tasten nach dem Karotispuls – das dauert zehn Sekunden. Warum diese vagen Formulierungen?

    Dr. Beaumont: Es ist schwer zu erklären. Die Umgebung deutet massiv auf Cholera hin. Überall ist blutiger Kot, der Geruch ist unerträglich. Aber das klinische Bild der drei Lebenden passt nicht. Sie krampften heftig, wie bei einer Tetanus-Infektion, waren aber völlig weggetreten. Keine Reaktion auf Schmerzreize. Und dann dieser schlagartige Übergang ins Koma… Ich hatte gehofft, Sie hätten vielleicht von einem ähnlichen Neurotoxin gehört, das…

    Prof. Thiep: (fällt ihm ins Wort) Beaumont, hören Sie sich eigentlich selbst zu? Sie faseln von Cholera-Symptomen, Tetanus-Krämpfen und komatösen Zuständen, alles zur gleichen Zeit. Das verstößt gegen jede pathologische Logik. Hat man Ihnen in Paris nicht beigebracht, wie man eine strukturierte Anamnese durchführt?

    Dr. Beaumont: Doch, natürlich, aber die Patienten sind nicht ansprechbar! Ich… ich werde in ein paar Stunden mit den Obduktionen der Verstorbenen beginnen. Ich warte nur noch ab, bis die Totenstarre vollständig eingetreten ist, um einen festen Referenzpunkt für den Todeszeitpunkt zu haben.

    Prof. Thiep: (lacht trocken und schneidend) Sie wollen die Rigor Mortis abwarten? Beaumont, ich beginne mich ernsthaft zu fragen, ob Sie die Zulassung zur Universität durch eine Lotterie gewonnen haben. Die Totenstarre ist ein biochemischer Prozess der ATP-Verarmung, kein verdammter Timer für Ihre Bequemlichkeit! Wissen Sie, was ich glaube? Ich glaube, die Hitze in den Bergen vernebelt Ihnen den Verstand. Sie schildern mir hier medizinischen Unfug.

    Dr. Beaumont: Professor, ich versichere Ihnen, die Temperatur der Körper ist… sie ist instabil. Ich wollte nur Ihren Rat, wie ich bei dieser Kombination von Symptomen…

    Prof. Thiep: Mein Rat? Mein Rat ist: Schlagen Sie Ihre Lehrbücher auf. Kapitel eins: Grundlagen der Diagnostik. Wenn Sie aufhören, Gespenster zu sehen und anfangen, wie ein Arzt zu arbeiten, können Sie mich wieder kontaktieren. Melden Sie sich erst wieder, wenn Sie einen fundierten, medizinisch belastbaren Bericht vorlegen können, der nicht wie das Drehbuch eines schlechten Horrorfilms klingt. Gute Nacht, Beaumont.

    Kurz danach zwang eine Lageänderung den jungen Arzt dazu, seinen Professor per SMS zu informieren, SMS deshalb, weil er keine erneute Kopfwäsche riskieren wollte.

    „Monsieur le Professeur, Update zu Mường Lống: Statusänderung bei den verbliebenen 14 Probanden. Bei 11 Patienten trat um ca. 00:45 Uhr der klinische Tod ein (Atemstillstand, keine kardiale Aktivität). Die drei verbleibenden Patienten befinden sich in einem persistierenden tiefen Koma (GCS 3).

    Seltsames Vorkommnis: Zwei lokale Hilfskräfte sind unangekündigt vom Posten in der Lazaretthütte verschwunden. Ich vermute Erschöpfung oder religiöse Vorbehalte. Werde nun postmortale Untersuchungen an den 11 Verstorbenen einleiten, sobald der improvisierte Sektionsplatz vorbereitet ist. Werde die Körpertemperatur-Kurven dokumentieren, da die Abkühlung unnatürlich langsam verläuft. Melde mich nach dem ersten Schnitt mit harten Fakten. Beaumont.“

    Kurze Zeit später sprang der Arzt dann über seinen Schatten und kontaktierte seinen Professor erneut per Telefon, seine restlichen Patienten waren ebenfalls verschwunden.

    Transkript: Audio-Log 05-06-00-VN

    Datum: 05. Juni, Jahr 0

    Zeit: 03:12 Uhr Ortszeit

    Teilnehmer:

    Dr. Marc-André Beaumont (Mường Lống)

    Prof. Dr. Nguyen Van Thiep (Hanoi)

    (Das Klingeln dauert lange, bevor abgehoben wird. Im Hintergrund ist das Zischen von Regen oder atmosphärischen Störungen zu hören.)

    Prof. Thiep: (Stimme ist heiser und vor Zorn bebend) Beaumont. Wenn dieses Telefonat nicht damit beginnt, dass Sie mir Ihren sofortigen Rücktritt und Ihre Abreise aus Vietnam erklären, werde ich persönlich dafür sorgen, dass Sie nie wieder ein Stethoskop in die Hand nehmen. Wissen Sie, wie spät es ist?

    Dr. Beaumont: (Stimme zittert, man hört schnelles Atmen) Professor, bitte… hören Sie mir zu. Es ist alles anders. Ich habe Ihnen die SMS geschickt, dass Patienten gestorben sind, aber jetzt… sie sind weg.

    Prof. Thiep: (schreit fast) Was heißt „weg“? Beaumont, ein Leichnam hat keine Beine! Haben Sie die Toten nicht gesichert? Ich sagte Ihnen, Sie sollen klinisch arbeiten, nicht wie ein Totengräber im Mittelalter!

    Dr. Beaumont: Ich habe sie in der Hütte gelassen, um den Obduktionsraum vorzubereiten! Als ich zurückkam, waren elf der Patienten verschwunden. Und nicht nur sie – auch zwei Dorfbewohner, die dort reinigen sollten. Und jetzt, vor fünf Minuten… auch die letzten drei. Die Hütte ist leer, Monsieur. Komplett leer.

    Prof. Thiep: (eine lange Pause, dann ein hämisches Lachen) Oh, ich verstehe. Sie haben sich in den Bergen von ein paar Hmong-Bauern überrumpeln lassen. Wahrscheinlich haben sie ihre Toten gestohlen, um sie nach ihren absurden Riten zu begraben, bevor die „Regierung“ sie aufschneidet. Und Sie, Beaumont, waren zu inkompetent, um die Tür zu bewachen.

    Dr. Beaumont: Nein! Der Ortsvorsteher, Vàng A Phù, er schwört, dass niemand das Dorf verlassen hat. Ich habe gefragt, ob Fremde hier waren, Schmuggler, irgendwer. Nichts. Seit Wochen nichts. Professor, wie können vierzehn kranke Menschen und zwei gesunde Männer spurlos verschwinden? Ohne Geräusch? Ohne dass sie jemand auf dem einzigen Pfad gesehen hat?

    Prof. Thiep: Beaumont, hören Sie auf, mich mit Ihren Schauergeschichten zu belästigen! Was wollen Sie von mir? Dass ich Geisterjäger schicke? Sie haben versagt. Sie haben die Kontrolle über Ihre Patienten und über Ihre Beweismittel verloren. Sie schildern mir ein Szenario, das medizinisch unmöglich ist. Menschen im tiefen Koma stehen nicht auf und verschwinden im Dschungel.

    Dr. Beaumont: Ich sage ja nicht, dass sie gegangen sind! Ich sage, sie sind weg! Die Betten sind leer, Monsieur. Keine Schleifspuren, kein Kampf. Nur dieser verdammte Geruch nach Cholera und… und etwas Süßlichem. Ich habe Angst, Professor. Hier stimmt etwas nicht mit der Biologie.

    Prof. Thiep: (eiskalt) Die einzige Biologie, mit der hier etwas nicht stimmt, ist Ihr neuronales System. Sie haben Halluzinationen oder Sie sind schlichtweg ein Feigling, der eine Ausrede sucht, weil er die Toten verloren hat. Ich werde morgen früh die Distanzverwaltung kontaktieren. Wir werden jemanden schicken, der Sie ablöst – und der wahrscheinlich die Leichen in einem nahegelegenen Waldstück findet, wo sie von Ihren „unschuldigen“ Dorfbewohnern verscharrt wurden.

    Dr. Beaumont: Professor, schicken Sie keine Einzelpersonen. Schicken Sie das Militär. Bitte.

    Prof. Thiep: (lacht trocken) Das Militär? Wegen ein paar verschwundener Leichen in einem Bergdorf? Beaumont, Sie sind erledigt. Gehen Sie schlafen. Wenn ich Sie morgen noch einmal höre, bevor mein Kaffee auf dem Tisch steht, werde ich dafür sorgen, dass Ihre Karriere endet, bevor der erste Obduktionsschnitt gesetzt ist. Legen Sie jetzt auf.

    USA

    Ein nachdenklicher Arzt in einem weißen Kittel steht neben einem leblosen Körper auf einem Untersuchungstisch, umgeben von medizinischen Geräten und Instrumenten.

    Datum: 12. Oktober, Jahr 0 Pathologe: Dr. Steven J. Miller Leiche: Weiblich, ca. 20 Jahre, Identität unbekannt (Jane Doe #14)

    1. Hergang (Laut Polizeibericht)

    Die Verstorbene wurde von Beamten des PPD gestellt, nachdem sie mehrere Passanten in einem Park angegriffen hatte. Laut Aussage der Beamten zeigte das Subjekt eine „unnatürliche Schmerzresistenz“. Es wurden insgesamt 15 Schüsse abgegeben. Das Subjekt setzte den Angriff trotz schwerster Treffer in Torso und Extremitäten fort. Erst ein gezielter Schuss in die kraniale Region (Kopfschuss) stoppte die Vorwärtsbewegung unmittelbar.

    2. Äußere Untersuchung

    Der Körper weist 14 Eintrittswunden durch Projektile vom Kaliber 9mm auf, verteilt auf Brustkorb, Abdomen und beide Beine. Besonders auffällig ist die massive Traumatisierung des linken Fußes: Es finden sich multiple, tiefe Bisswunden menschlichen Ursprungs. Die Achillessehne ist vollständig durchtrennt, mehrere Mittelfußknochen sind zertrümmert.

    Anomalie I: Es ist medizinisch absolut unerklärlich, wie das Subjekt mit diesen Verletzungen – insbesondere der zerstörten Sehnenstruktur am Fuß – eine rennende oder auch nur aufrechte Bewegung hätte ausführen können.

    3. Postmortaler Zustand (Die zentrale Diskrepanz)

    Während der Untersuchung stieß ich auf einen Befund, der mich an meiner eigenen Kompetenz zweifeln lässt:

    Livores (Totenflecken): Es finden sich ausgeprägte, lagefixierte Totenflecken am Rücken und an den Rückseiten der Oberschenkel.

    Rigor Mortis (Totenstarre): Der Kiefer und die Nackenmuskulatur zeigen eine Starre, die typischerweise erst 24 bis 48 Stunden nach dem Tod eintritt.

    Gewebszustand: Die Körpertemperatur liegt bei 22 °C (Umgebungstemperatur). Es gibt beginnende Anzeichen von Autolyse in den inneren Organen.

    Anomalie II: Nach allen Regeln der forensischen Pathologie war diese Frau bereits seit mindestens zwei Tagen tot, als die Polizisten auf sie schossen. Es gab jedoch keinen nennenswerten Blutaustritt aus den 14 Körpertreffern – was darauf hindeutet, dass das Herz zum Zeitpunkt der Schussabgabe nicht mehr schlug.

    4. Interner Befund

    Bei der Eröffnung des Schädels zeigte sich das Gehirn in einem Zustand, den ich so noch nie gesehen habe. Die graue Substanz ist von einer bläulichen, fast kristallinen Schicht überzogen. Trotz des massiven Projektiltraumas (Einschuss parietal rechts) wirkt das verbliebene Nervengewebe nicht wie bei einer Verwesung zerflossen, sondern seltsam „strukturiert“, als wäre es von feinen, metallisch glänzenden Fasern durchzogen.

    Zusammenfassung des Pathologen

    Ich bin ratlos. Wenn ich diesen Bericht so unterschreibe, behaupte ich effektiv, dass eine Leiche im fortgeschrittenen Stadium der Verwesung über eine Distanz von 50 Metern auf Polizeibeamte zugestürmt ist, während sie Schüsse ignorierte, die jeden lebenden Menschen sofort hätten kollabieren lassen.

    Die Bisswunden am Fuß weisen Spuren von Speichel auf, der eine mir unbekannte, zähflüssige Konsistenz hat. Ich habe Proben an das CDC geschickt, aber bisher keine Antwort erhalten. In der Leichenhalle herrscht heute eine seltsame Unruhe; zwei Assistenten haben sich krankgemeldet, weil sie über Übelkeit und „Rauschen in den Ohren“ klagen.

    Ich werde die Leiche vorerst in Kühlkammer 4 belassen, obwohl ich das unbestimmte Gefühl habe, dass die Riemen am Seziertisch nicht fest genug angezogen waren.

    Gezeichnet, Dr. Steven J. Miller Forensischer Pathologe

    Nur wenige Stunden später wurde die Gesundheitseinrichtung, in der die Obduktion stattfand von den Behörden weiträumig abgeriegelt.

    Island

    Archiv-Nr.: ISL-07-JUL-002 Typ: Funktranskript (verschlüsseltes VHF/Militärfrequenz) Datum: 12. Juli, Jahr 0 Beteiligte: Isländisches Krisenzentrum (Reykjavík) / Rufzeichen „VALKYRIE“; US Air Force Staffel „RAPTOR“ (6x F-15 Eagle)

    (Automatisierte Endlosschleife – Isländische Regierung – Deutsch/Englisch/Russisch/Französisch): „…Dies ist eine offizielle Bekanntmachung der Republik Island. An alle versprengten militärischen Einheiten auf See, zu Lande oder in der Luft: Island bietet Schutz. Jeder Soldat, jede Besatzung, die sich unter das Kommando der isländischen Verteidigungskräfte stellt, erhält mit sofortiger Wirkung die isländische Staatsbürgerschaft, volle Immunität gegenüber Befehlen ihrer Heimatländer sowie lebenslanges Bleiberecht und Versorgung für sich und ihre engsten Angehörigen. Island wird zur Festung der Lebenden. Schützen Sie uns, und wir schützen Sie. Antworten Sie auf dieser Frequenz… [Wiederholung auf Russisch]…“

    Raptor Leader: „Valkyrie, hier Raptor 01. Hören Sie mich? Ich wiederhole: Hier Raptor Leader, US Air Force, Staffel von sechs F-15. Wir befinden uns 300 Meilen südwestlich von Keflavík.“

    Valkyrie: „Raptor 01, hier Valkyrie. Wir hören Sie laut und deutlich. Bestätigen Sie Ihre Absicht. Haben Sie unser Angebot gehört?“

    Raptor Leader: „Wir haben es gehört… aber wir sind auf Rückkehrbefehl. Eigentlich. Wir sollten uns mit einem Tanker bei Point Alpha treffen, aber der Vogel ist nicht aufgetaucht. Wir fliegen auf den letzten Reserven. Wir haben den Kontakt zum Strategic Command verloren. Bevor wir über irgendwelche… Staatsbürgerschaften reden… Valkyrie, verdammt, sagen Sie uns, was zu Hause los ist. Wir kriegen keine Verbindung nach Ramstein oder direkt in die Staaten.“

    Valkyrie: „Raptor 01… die Informationen sind fragmentarisch, aber konsistent. Washington D.C., New York und Chicago wurden als ‚verloren‘ markiert. Das Kommunikationsnetz an der Ostküste ist zu 80 % ausgefallen. Die Ausbreitungsrate der furiens-Variante in den Ballungsräumen hat jede staatliche Reaktion überholt.“

    Raptor 02 (über Funk hörbar): „Das kann nicht sein… was ist mit Ohio? Hat jemand was aus Columbus gehört?“

    Valkyrie: „Raptor 02, es gibt keine gesicherten Daten mehr aus dem Mittleren Westen. Aber ich muss Ihnen etwas mitteilen, das wir von einem anderen… neuen Verbündeten haben. Wir haben hier den Kommandanten eines russischen Akula-Klasse U-Boots, das vor zwei Tagen bei uns festgemacht hat. Laut seinen abgefangenen Satellitendaten haben die USA vor drei Stunden das Protokoll ‚Broken Arrow‘ über dem eigenen Territorium ausgeweitet. Er behauptet, es gab nukleare Detonationen über zwei eigenen Großstädten, um die Ausbreitung zu stoppen.“

    (Stille im Funkverkehr für 10 Sekunden)

    Raptor Leader: „Atomwaffen? Gegen das eigene Volk? Sind Sie sicher, Valkyrie? Wenn das eine verdammte russische Ente ist…“

    Valkyrie: „Wir können es nicht unabhängig bestätigen, Raptor Leader. Aber der Kontakt zu den entsprechenden Kommandostellen ist zeitgleich abgerissen. Wir haben keinen Grund, dem Russen nicht zu glauben – er hat seine Raketen uns übergeben. Wir bieten Ihnen eine Zukunft. Die USA, wie Sie sie kannten, existieren diesen Nachmittag vielleicht nicht mehr. Island schon. Wir brauchen Ihre Augen am Himmel.“

    Raptor Leader: „Valkyrie… halten Sie die Leitung offen. Wir müssen uns kurz intern beraten. Ende.“

    (Pause von 45 Sekunden – Rauschen der Atmosphäre)

    Raptor Leader: „Valkyrie, hier Raptor 01. Ich spreche für alle sechs Piloten. Wir haben keine Heimat mehr, in die wir zurückkehren können, und keinen Sprit für den Ozean. Wir nehmen das Angebot an. Wir unterstellen uns dem isländischen Kommando. Geben Sie uns Vektoren für die Landung. Wo wollen Sie uns haben?“

    Valkyrie: „Verstanden, Raptor Leader. Willkommen in Island. Drehen Sie auf Kurs 020. Landen Sie auf dem Flughafen Keflavík. Wir räumen die Piste für Sie frei. Bodenteams für Betankung und Quarantäne-Check stehen bereit. Und Raptor… danke, dass Sie sich für das Leben entschieden haben.“

    Raptor Leader: „Wir landen nur, Valkyrie. Ob wir noch leben, entscheiden wir, wenn wir Boden unter den Füßen haben. Raptor-Staffel Ende.“

    Indischer Zerstörer INS Chennai

    Historisches schwarz-weiß Bild eines Kriegsschiffs, das durch unruhige Gewässer fährt, umgeben von dramatischen Wolken.

    Dieses Dokument ist ein zentrales Zeugnis für die Entstehung des „Insel-Empires“. Es zeigt den Moment, in dem aus einer nationalen Katastrophe eine neue, übernationale Allianz unter der Flagge von New Britain wurde.

    Archiv-Nr.: IND-DEST Quelle: Geborgenes Digital-Logbuch der INS Chennai (Zerstörer der Kolkata-Klasse) Zeitraum: Jahr 0

    Position: Golf von Aden Status: Funkstille (Einsatzstufe Blau). Auftrag: Anti-Piraterie-Patrouille. Seit 72 Stunden kein Kontakt zum Flottenkommando in Mumbai. Befehlslage bleibt „Aufrechterhaltung der Präsenz“. Die Männer sind unruhig. Die Kurzwellenempfänger fangen nur atmosphärisches Rauschen und wirre Notrufe in Swahili auf.

    – Erster Kontakt Haben um 04:00 Uhr ein überladenes Boot (Typ: Dhow) aufgebracht. Verdacht auf Piraterie. Nach dem Boarding bot sich ein Bild des Grauens. Keine Waffen. 80 Zivilisten, viele schwer traumatisiert. Ein ehemaliger UN-Mitarbeiter unter ihnen schrie uns an, wir sollten sie nicht anfassen. Er sprach von der „Rückkehr der Toten“ in Mogadischu. Wir hielten es für eine Massenpsychose – bis einer der Verletzten in der Arrestzelle starb und zehn Minuten später versuchte, dem Wachhabenden die Kehle durchzureißen. Wir mussten ihn eliminieren. Schuss in den Kopf war das einzige, was half. Kursänderung: Süd-Südost. Wir müssen nach Hause.

    Vor der Küste Südafrikas Die Küstenlinie ist nachts ein einziges Flammenmeer. Haben den Bordhelikopter (HAL Dhruv) zur Aufklärung Richtung Durban geschickt. Bericht der Piloten: „Keine Anzeichen von staatlicher Ordnung. Die Autobahnen sind mit Autowracks verstopft. Wir sahen Tausende… Kreaturen. Sie bewegen sich wie eine Lawine durch die Vorstädte. Keine Gegenwehr durch Polizei oder Militär erkennbar.“ Der Kapitän hat entschieden: Wir halten uns fern vom Land. Wir versuchen weiterhin Indien zu erreichen.

    Der letzte Funkspruch aus Indien Kontakt zu Admiral V. Singh (Vizechef des Marinestabs) über eine gesicherte Notfrequenz hergestellt. Transkript: „Chennai, hören Sie gut zu. Es gibt kein ‚Zuhause‘ mehr. Mumbai ist gefallen, Delhi ist eine Todeszone. Die var. indolens hat uns von innen heraus zerfressen. Ich entbinde Sie von Ihrem Eid gegenüber der Republik Indien. Retten Sie Ihre Besatzung. Schließen Sie sich an, wem Sie wollen, oder suchen Sie sich eine einsame Insel. Dies ist mein letzter Befehl. Jai Hind.“

    Die Agonie Europas Wir haben das Kap der Guten Hoffnung umrundet und den Atlantik nach Norden gequert. Spanien: Häfen von Algeciras und Cádiz stehen in Flammen. Keine Antwort auf Funksprüche, nur automatisierte Warnungen vor „infizierten Zonen“. Frankreich (Brest Radio): „Fahren Sie weiter, indisches Schiff. Wir können unsere eigenen Bürger nicht mehr schützen. Marseille ist verloren, Paris schweigt. Wir haben keine Vorräte für Sie.“ Deutschland: Ein Funker aus Wilhelmshaven antwortet verzweifelt. Sie halten noch einen Pier, aber die Verteidigungslinien in der Stadt brechen gerade zusammen.

    Vor dem Ärmelkanal Kontakt mit der britischen Admiralität (HMS Queen Elizabeth): „Hier spricht die Royal Navy. An den indischen Zerstörer: Laufen Sie keinen britischen Hafen an. London ist evakuiert. Die Insel steht kurz vor dem Fall.

    Die Entscheidung Kapitän und Stabskonferenz in der Offiziersmesse. Wir haben noch Treibstoff für 4.000 Meilen und 200 Flüchtlinge an Bord. Beschluss: Wir bitten um Eingliederung in den britischen Verband. Funkspruch an HMS Queen Elizabeth: „Hier INS Chennai. Wir sind ein voll einsatzfähiger Zerstörer der Kolkata-Klasse. Wir haben indische Soldaten und Zivilisten an Bord. Wir weigern uns, dieses Schiff aufzugeben. Wir bieten unsere Kanonen und unsere Treue dem Verband an, Erlauben Sie uns, die Flanke Ihres Thronfolgers zu decken?“

    Antwort der Briten „INS Chennai, hier Admiralität. Wir akzeptieren Ihr Angebot. Nehmen Sie Position in der äußeren Verteidigungsperipherie des Trägerverbands ein. Willkommen in der Flotte. Wir setzen Kurs auf den Südpazifik. Unser Ziel ist Pitcairn.“

    Ankunft in New Britain Wir haben den Anker vor Adamstown geworfen. Die INS Chennai wird nun fest mit dem zivilen Frachtschiff-Verbund verkoppelt, um als schwimmende Verteidigungsplattform für die neue Hauptstadt zu dienen.

  • Pandemie-Ereignisse: Einblicke aus Asien und Europa

    Pandemie-Ereignisse: Einblicke aus Asien und Europa

    Eintrag #2

    Heute wollen wir uns mit einem Datensatz aus der frühen Phase der Pandemie in Asien sowie einem aus Europa beschäftigen. Die Herkunft des asiatischen Materials ist leider nicht bekannt. Da ich aber auch in anderen Aufzeichnungen Querverweise hierher fand gehe ich davon aus, das wir es hier mit authentischen Zeitzeugen zu tun haben. Das Material aus Europa wurde von Zeitzeugen übergeben. Aber worum geht es ganz genau. Es handelt sich hier um einen Vorfall, aus dem kambodschanisch-vietnamesischen Grenzgebiet aus der Zeit Anfang bis Mitte August 0 (man kann es leider nicht mehr so genau zuordnen).

    Ein verletzter Mensch wird von Rettungskräften in einem dramatischen und ernsten Moment betreut.

    Kambodscha / Vietnam

    Zu jener Zeit war man sich noch nicht so ganz sicher, womit man es zu tun hatte. In Asien hatte sich die Pandemie bereits auf weite Teile des Kontinents ausgebreitet, da sich aber die meisten, oder besser fast alle Infektionen noch in ihrer Frühphase befanden hatten es Behörden, Mediziner und einfache Bürger noch sehr selten mit Reanimierten zu tun. Es mehrten sich zwar die Gerüchte, dass es sich bei der Infektion um eine Krankheit handeln würde, die Tote in aggressive untote Kannibalen verwandelt. So ganz wollte man es aber nicht glauben, weshalb man oft, auch wider Instinkt und besseren Wissen die Augen verschloss und hoffte, dass bei den Menschen, die von wandelnden aggressiven Untoten berichten einfach nur der Aluhut zu eng war. So auch in dem Fall der 25 jährigen US-Amerikanerin Sue Berrington. Sie gab der kambodschanischen Polizei einiges zu denken.

    Einsatzbericht: STRENG GEHEIM Empfänger: Regional-Kommandeur der Provinz Svay Rieng Absender: Hauptmann Sarin, Gendarmerie-Einheit 402 Betreff: Vorfall im Dorf Phum Kaoh (Sektor B-12) – Statusbericht und dringende Anfrage


    Sehr geehrter Herr Regional-Kommandeur,

    hiermit erstatte ich Bericht über den Einsatz im Dorf Phum Kaoh nahe der Grenze zu Vietnam. Der Auftrag lautete: Razzia und Sicherstellung von Schmuggelware (Betäubungsmittel).

    Bei unserer Ankunft um 05:30 Uhr wirkte das Dorf verlassen. Keine Tiere, kein Rauch aus den Hütten. Während wir mit der Durchsuchung der ersten Lagerhäuser begannen, tauchten vereinzelt Dorfbewohner auf. Ihr Erscheinungsbild war höchst irregulär; viele waren mit getrocknetem Blut verschmiert und zeigten eine starre, koordinationsgestörte Motorik.

    Die Situation eskalierte ohne Vorwarnung. Als meine Männer versuchten, die Bewohner für die Befragung zu fixieren, wurden wir unmittelbar angegriffen. Die Angreifer nutzten keine Werkzeuge oder Waffen, sondern setzten ausschließlich ihre Zähne ein. Aufgrund des Befehls zur Zurückhaltung versuchten wir uns zunächst ohne Schusswaffengebrauch zu wehren. Dies war ein taktischer Fehler. Mehrere Beamte erlitten schwerste Bisswunden an Hälsen und Extremitäten.

    Angesichts der unkontrollierbaren Aggression und der Tatsache, dass die Angreifer selbst nach schweren Schlägen nicht zurückwichen, gab ich den Befehl, das Feuer auf alles zu eröffnen, was sich uns näherte. Die Lage konnte erst unter massivem Munitionseinsatz stabilisiert werden.

    Sicherstellung und Funde: Bei der anschließenden Säuberung der Häuser und des Umlands fanden wir keine Drogen. Stattdessen stießen wir auf Szenen, die jeglicher Logik entbehren. Es wurden zahlreiche Leichenteile entdeckt, die eindeutige Spuren von Kannibalismus aufweisen – Fleisch wurde grob von den Knochen gerissen, teilweise in noch frischem Zustand.

    Die diplomatische Komplikation: Das eigentliche Problem stellt jedoch eine Überlebende dar, die wir im Unterholz nahe des Dorfzentrums fanden. Es handelt sich um eine US-Staatsbürgerin, identifiziert als Sue Berrington (25).

    Die Frau geriet während des Chaos in unser Kreuzfeuer. Sie weist mehrere Treffer im Unterleib und im Brustkorb auf – Wunden, die nach medizinischem Ermessen längst zum Tod durch Verbluten hätten führen müssen. Dennoch ist sie am Leben. Sie befindet sich in einem Zustand totaler Apathie, unterbrochen von gewalttätigen Ausbrüchen, bei denen sie versucht, das Wachpersonal zu beißen.

    Einschätzung und Anfrage: Die getöteten Einheimischen bereiten mir keine Sorgen; das Dorf wird offiziell als Nest von Drogenkurieren deklariert, die sich gegenseitig dezimiert haben. Sorgen bereitet mir jedoch die Amerikanerin. Sollten die US-Behörden oder eine NGO von ihrem Zustand erfahren, könnte dies unangenehme Fragen zu unseren Einsatzmethoden und dem eigentlichen Geschehen hier aufwerfen. Zudem sind die Gerüchte über „unnatürliche Krankheiten“ auf der vietnamesischen Seite der Grenze, von denen man in letzter Zeit hört, in diesem Kontext besorgniserregend.

    Ich erbitte dringende Anweisung: Sollen wir die Amerikanerin in ein Militärhospital überstellen (was die Gefahr von Zeugen birgt), oder soll sie im Rahmen der „Säuberungsaktion“ als Kollateralschaden zusammen mit den Einheimischen im Massengrab verschwinden?

    Ich erwarte Ihre Befehle. Die Männer sind nervös; die Bisswunden der Verletzten verfärben sich bereits dunkel.

    Hochachtungsvoll,

    Hauptmann Sarin Kommandant, Einheit 402

    Dieser Vorfall dürfte sich zugetragen haben, als die Behörden so nach und nach den Kontakt zu vielen kleinen Siedlungen am Land verloren haben. Etwa Anfang bis August 0.

    Sehen wir uns nun die Antwort des Vorgesetzten an.

    REGIONALE KOMMANDANTUR – PROVINZ SVAY RIENG ABSENDER: Oberst Veng EMPFÄNGER: Hauptmann Sarin, Einheit 402 GEHEIMHALTUNGSSTUFE: ABSOLUT


    Hauptmann Sarin,

    Ihre Meldung wurde gelesen und vernichtet. Angesichts der potenziellen diplomatischen Implikationen bezüglich der amerikanischen Staatsbürgerin und der allgemeinen Instabilität in der Grenzregion ordne ich hiermit folgende Maßnahmen an, die unter Ausschluss der regulären Militärgerichtsbarkeit und ohne Einbeziehung höherer Stabsstellen durchzuführen sind:

    1. Behandlung der US-Staatsbürgerin (Berrington)

    Die Frau ist eine Belastung, die wir uns nicht leisten können. Sie wird unter strengster Geheimhaltung in einem unmarkierten Fahrzeug an einen abgelegenen Grenzabschnitt verbracht. Schaffen Sie sie über die Grenze nach Vietnam. Wählen Sie ein Gebiet, das für Schmuggelaktivitäten bekannt ist. Sollte sie dort gefunden werden, ist es ein vietnamesisches Problem. Die Verletzungen durch unsere Dienstwaffen werden in der dortigen bürokratischen Inkompetenz untergehen oder den Grenzpatrouillen von Hanoi angelastet. Sie war nie in Kambodscha. Existieren Einreisebelege, sind diese physisch zu vernichten.

    2. Status des Dorfes Phum Kaoh

    Das Dorf existiert ab sofort nicht mehr in unseren Akten. Die Leichenfunde und etwaige Spuren von – wie Sie es nannten – „Kannibalismus“ sind vor Ort zu verbrennen. Nutzen Sie den vorhandenen Treibstoff der Schmuggler. Offiziell gab es eine Explosion in einem illegalen Drogenlabor, die das Dorf dem Erdboden gleichgemacht hat.

    3. Umgang mit den eigenen Kräften

    Ich will keine Berichte in den Militärhospitälern sehen. Jene Beamten, die Bisswunden davongetragen haben, sind mit sofortiger Wirkung in einen „Sonderurlaub“ zu schicken. Sie haben sich in ihren privaten Unterkünften auszukurieren. Betonen Sie gegenüber den Männern, dass jede Erwähnung der Vorfälle als Hochverrat gewertet wird. Ich nehme es mit den Vorschriften bekanntlich nicht immer genau, aber Loyalität ist für mich nicht verhandelbar. Wer redet, verschwindet.

    4. Einmischung des Militärs

    Es erfolgt keine Meldung an das Oberkommando in Phnom Penh. Wir regeln das intern. Ich möchte keine arroganten Generäle in meinem Sektor haben, die wegen ein paar „wandelnder Bauern“ Fragen stellen.

    Ausführung umgehend bestätigen. Danach herrscht Funkstille zu diesem Thema.

    Oberst Veng Regional-Kommandeur

    Man kann an diesem Vorfall besonders gut erkennen, dass oftmals auch die Behörden ihr möglichstes taten um den Virus das Leben zu erleichtern. Ich habe vorhin erwähnt, dass sich zu den beiden Datensätzen Querverweise herleiten lassen Hier in Form eines Vernehmungsprotokolles.

    SOZIALISTISCHE REPUBLIK VIETNAM MINISTERIUM FÜR ÖFFENTLICHE SICHERHEIT Grenzschutzdistrikt Long An – Vernehmungsprotokoll Nr. 88-B/2026


    Datum: ? Ort: Militärstützpunkt nahe der Grenze, Verhörraum 3 Vernehmungsbeamter: Major Nguyen Van Minh Anwesende: Leutnant Tran (Protokollführer), Dr. Pham (Militärarzt) Verdächtiger: Unbekannt (Identifiziert als Angehöriger der kambodschanischen Gendarmerie durch Uniformreste, verweigert die Nennung des Namens)


    [BEGINN DES PROTOKOLLS]

    Major Nguyen: Der Verdächtige wurde vor einer Stunde erstversorgt. Dr. Pham, ist er bei Bewusstsein?

    Dr. Pham: Er ist instabil. Hohes Fieber, über 40 Grad. Er hat schwere Bisswunden an den Unterarmen und im Nacken. Ich habe ihn lokal betäubt, aber er steht unter Schock.

    Major Nguyen: (zum Verdächtigen) Wir haben Sie über einer Leiche gefunden. Einer Frau. Westlerin. Ihr Kopf war fast völlig zerstört durch einen Schuss aus nächster Nähe. Erklären Sie das. Warum haben Sie eine Zivilistin auf vietnamesischem Boden hingerichtet?

    Verdächtiger: (Stimme zittrig, flüstert) Sie war… sie war schon tot. Wir sollten sie nur loswerden. Mein Oberst… wir sollten sie über die Grenze bringen. „Ein Geschenk für die Vietnamesen“, hat er gesagt.

    Major Nguyen: Was für ein Geschenk? Sie sprechen wirres Zeug. Wer hat Sie angegriffen? Wo sind Ihre Kameraden?

    Verdächtiger: Sie sind weggerannt! Feiglinge! Als wir sie aus dem Wagen holten, hat sie sich nicht bewegt. Aber als die Fesseln ab waren… sie war wie ein Tier. Sie hat mich gepackt. (fängt an zu schluchzen) Sie hat mir ein Stück aus der Schulter gerissen. Ich habe sie weggestoßen, aber sie spürt keinen Schmerz. Sie hatte Löcher im Bauch, Major! Man konnte durch sie hindurchsehen!

    Major Nguyen: (schlägt auf den Tisch) Hören Sie auf mit diesen Märchen! Wir haben die Frau gesehen. Sie war unbewaffnet.

    Verdächtiger: (schreit fast) Sie brauchen keine Waffen! Sie benutzen die Zähne! Ich musste es tun… ich habe gewartet, bis sie am Boden war, und dann… ich musste ihren Kopf treffen. Nur dann hören sie auf. In Phum Kaoh haben wir sie alle erschossen, aber sie kamen immer weiter… das ganze Dorf… blutverschmiert…

    Major Nguyen: (sieht zu Dr. Pham) Was ist das? Drogenpsychose?

    Dr. Pham: Das Fieber steigt weiter. Er hat Krämpfe. Die Wunden sehen… seltsam aus. Das Gewebe stirbt bereits ab, obwohl die Verletzung erst Stunden alt ist. Er phantasiert von „wandelnden Toten“.

    Verdächtiger: (greift plötzlich nach Major Nguyens Arm, seine Augen sind unterlaufen) Sie müssen mich töten. Hören Sie? Bevor das Fieber mich ganz holt. Wenn ich aufwache, werde ich auch Hunger haben. Sue… die Amerikanerin… sie hat nicht aufgehört. Bitte… schießen Sie mir in den Kopf…

    Major Nguyen: Genug davon. Leutnant, vermerken Sie: Der Verdächtige zeigt Anzeichen einer schweren paranoiden Schizophrenie oder einer drogeninduzierten Psychose. Er ist nicht vernehmungsfähig.


    [BEURTEILUNG DES VERNEHMUNGSBEAMTEN] Der Gefangene stellt eine Gefahr für sich und andere dar. Er behauptet, Teil einer kambodschanischen Militäreinheit zu sein, die ein ganzes Dorf ausgelöscht hat. Es gibt keinerlei Beweise für diese absurden Behauptungen, außer seinem eigenen Wahnzustand. Aufgrund der diplomatischen Sensibilität (tote US-Bürgerin auf unserem Boden) und seines Zustands ist eine reguläre Inhaftierung unmöglich.

    Anordnung: Überstellung in die Geschlossene Psychiatrische Anstalt Biên Hòa unter militärischer Bewachung. Isolationshaft. Der Militärarzt soll die Bisswunden untersuchen, vermutlich handelt es sich um eine unbekannte Tollwut-Mutation.

    [ENDE DES PROTOKOLLS]

    Eine verlassene Stadtstraße mit einem alten Bus im Vordergrund, umgeben von Leichnamen und einer nebligen, trostlosen Atmosphäre.

    Man kann heute nur noch mutmaßen, ob man in Vietnam noch keine Infektionen im Endstadium, also nach der Reanimation registriert hatte, oder was viele Historiker vermuten, die Behörden ähnlich wie die des kambodschanischen Nachbarn ein gewisses Konkurrenzdenken an den Tag legten und deshalb Informationen auch gerne für sich behielten.

    Österreich

    Kommen wir zum letzten Teil für heute. Im Zuge einer Recherche stieß ich auf den Augenzeugenbericht einer jungen Wienerin aus der Frühphase auf dem europäischen Kontinent. Die junge Frau berichtet hier von ihrer Flucht aus Wien.

    Mein Weg aus dem Abgrund: Das Tagebuch der Flucht

    1. Oktober 0 – Irgendwo auf dem Ärmelkanal

    Ich sitze auf dem Boden eines alten französischen Fischkutters. Das Boot schwankt so stark, dass mir übel ist, aber vielleicht liegt das auch an der Schwangerschaft. Ich bin jetzt im fünften Monat. Mein Baby tritt, als würde es spüren, dass die Welt, in die es hineingeboren wird, gerade in Flammen aufgeht.

    Alles begann an diesem verfluchten Donnerstag in Wien. Ich saß in unserer Wohnung im 7. Bezirk vor dem Fernseher. Die Regierung schaltete diese bizarre Pressemitteilung: „H5N1-Z“, „Erschöpfung der Ministerin“, „kein Grund zur Sorge“. Ich wollte es glauben. Ich wollte glauben, dass wir sicher sind.

    Dann flog die Wohnungstür auf.

    Es war Lukas. Er war völlig aufgelöst. Er arbeitet als Notarzt bei der Berufsrettung, sein Dienst hätte eigentlich noch zwölf Stunden dauern müssen. Seine Uniform war zerrissen, sein Gesicht aschfahl. Er stürzte ins Schlafzimmer, riss die Rucksäcke aus dem Schrank und begann, wahllos Zeug hineinzustopfen.

    Ich stand im Türrahmen, die Hand auf meinem Bauch, und löcherte ihn mit Fragen. „Lukas, was machst du hier? Hast du gekündigt? Hast du was angestellt? Wirst du gesucht?“ Ich dachte wirklich, er hätte jemanden bei einem Einsatz verloren und sei durchgedreht.

    Er antwortete nicht einmal. Er fegte die Sachen von der Kommode, Medikamente, Pässe, Kleidung – vieles landete einfach auf dem Boden, er trat darauf herum. „Zieh dich an!“, schrie er mich an. „Pack einen Rucksack! Nur das Nötigste! Wir müssen aus dieser Stadt verschwinden, jetzt!“

    Ich wurde wütend. Ich versuchte ihn zu maßregeln, packte ihn am Arm und schrie, er solle sich beruhigen, wegen des Babys. Da packte er mich an den Schultern. Sein Blick war so scharf und bestimmend, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. „Elena“, sagte er mit einer Stimme, die eiskalt war, „es ist keine Grippe. Es ist eine Seuche. Die Toten bleiben nicht liegen. Ich habe es im Rettungswagen gesehen. Wir fahren jetzt, oder wir sterben hier.“

    Da begriff ich es.

    Wir schlichen uns über Umwege aus Wien hinaus. Die Tangente war bereits verstopft, überall brannten Autos. Lukas kannte die Schleichwege über die Dörfer im Wienerwald. Aber als wir im ländlichen Niederösterreich ankamen, war es dort nicht besser. Vor einem Bauernhof sah ich eine Gestalt, die über einem leblosen Körper kauerte. Es war dasselbe Bild wie in den Horrorfilmen, nur dass es real war. Der Gestank von Eisen und Fäulnis lag in der Luft.

    Lukas entschied sofort: „Österreich ist eine Falle. Wir müssen ans Meer. Wenn wir auf eine Insel kommen, haben wir eine Chance.“

    Es folgten Tage des Grauens. Wir fuhren quer durch ein kollabierendes Europa. Tankstellen waren Schlachtfelder, die Autobahnen Friedhöfe aus Blech. Wir schliefen kaum, immer auf der Hut vor den „Schatten“, wie Lukas sie nannte.

    Schließlich erreichten wir die französische Atlantikküste. Alles war abgeriegelt, aber das Chaos war unsere Chance. In einem kleinen Hafenort bei Cherbourg fanden wir diesen Kutter. Er war hoffnungslos überfüllt mit französischen Flüchtlingen. Lukas gab dem Kapitän unsere letzte Goldmünze und seine medizinische Ausrüstung, damit wir mitdurften.

    Jetzt sind wir auf dem Weg zu den Kanalinseln. Jemand hat gesagt, dass die Briten die Inseln befestigt haben und niemanden mehr an Land lassen. Ich weiß nicht, was uns erwartet. Ich weiß nur, dass Lukas mir das Leben gerettet hat – und das unseres Kindes. Hinter uns versinkt der Kontinent in der Dunkelheit.

    Ich möchte an dieser Stelle schließen, bedanke mich für die Aufmerksamkeit und freue mich auf den nächsten Ausflug in die Vergangenheit. Bleiben Sie mir gewogen – bis bald und auf Wiedersehen.