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  • Die Stille nach dem Befehl: Ein Tagebuch im Silo

    Schönen guten Tag werte Leser, ich möchte mich zuallererst für die lange Funkstille entschuldigen, ich dachte mir ein Urlaub wäre mal eine erfrischende Abwechslung. Zu meinem Bedauern musste ich feststellen, dass sich das Konzept Urlaub ein wenig verlebt hat, weshalb ich ihnen fortan vermutlich das ganze Jahr über zur Verfügung stehe. Kommen wir nun zu dem Thema, weshalb sie hier sind. Ich hatte heute meinen ersten Tag, und erkannte mein Büro nicht wieder. Es dauerte einige Zeit, bis ich mich durch Berge an Papier, Sticks, Festplatten und so weiter und so fort durchkämpfen musste, bis ich endlich meinen Schreibtisch erreichte. Kompliment an die tapferen Frauen und Männer unserer Streitkräfte, sie haben mein kleines Büro in der kurzen Zeit, in der ich nicht anwesend war mit Informationen regelrecht vollgestopft. Da ich mich nicht so wirklich für einen Datensatz entscheiden konnte habe ich einfach blind in einen Stapel gegriffen. Und ich muss sagen, ich war ob meines Glücksgriffes hellauf verzückt. Das das nun folgende Dokument etwas umfangreicher ist erscheint heute nur ein Datensatz, aber keine Sorge, ich halte mein Versprechen, immer auch ein Einzelschicksal anzufügen – der gesamte Datensatz spiegelt eines wider.

    Stimmen aus dem Beton-Sarkophag

    Ein Soldat in Militäruniform sitzt nachdenklich in einem Raum neben einer Rakete.

    Titel: Das Minuteman-Fragment: Logbuch aus Silo 4-Alpha

    Status: Geborgen bei der „Operation Iron Spade“ (Montana Bergung, Jahr 12 n.d.P.)

    Kategorie: Phase V – die nukleare Agonie

    Einführung des Archivars: Vor drei Jahren bargen unsere Aufklärungsteams eine versiegelte Metallkassette aus einem Minuteman-III-Silo in den Ebenen von Montana. Inmitten von verrosteter Elektronik und den sterblichen Überresten zweier Männer fanden wir ein handgeschriebenes Logbuch. Es gehört Staff Sergeant Elias Thorne. Thorne und sein Partner, First Lieutenant Miller, waren zwei der letzten Männer, die auf dem amerikanischen Festland die Stellung hielten.

    Datum: 9. November, Jahr 0

    Miller hat heute wieder die Lüftungsventile überprüft. Er tut das alle zwei Stunden, nur um etwas zu tun, zu haben. Der Schweiß steht ihm auf der Stirn, obwohl die Klimaanlage im Kontrollzentrum uns auf konstanten 20 Grad hält. Es ist die Angst, die ihn schwitzen lässt.

    Wir sind jetzt seit der Generalversammlung im August hier unten. Ich erinnere mich kaum noch an das Tageslicht. Der Flug mit dem Blackhawk von Kansas City hierher fühlt sich an wie aus einem anderen Leben. Ich sehe immer noch die Rauchsäulen über den Vororten von KC vor mir, als wir abhoben. Damals dachten wir, es seien nur Unruhen. „Eine temporäre Verlegung zur Sicherung der strategischen Kapazitäten“, hatte der Major gesagt. Temporär. Gott was für eine Lüge.

    Wir saßen heute beim Abendessen – gefriergetrocknetes Rindfleisch, wie jeden Tag – und starrten auf die dunklen Monitore. Miller brach das Schweigen.

    „Glaubst du, Moskau steht noch, Elias?“, fragte er. Er klang so hoffnungsvoll, als wäre ein brennendes Russland ein Zeichen dafür, dass bei uns alles okay ist.

    Ich zuckte nur mit den Schultern. „Wenn sie dort die gleiche Scheiße haben wie wir, dann schießen sie sich gerade gegenseitig in den Kopf. Oder sie warten in ihren Löchern wo wie wir.“

    Morgen müssen wir die Zielparameter neu kalibrieren. Der General am Funk war heute sehr deutlich: Manuelle Eingabe der Koordinaten-Sets 70 bis 95. Miller hat die Codes in seinem Handbuch nachgeschlagen. Er meint, das seien sicher die großen Industriekomplexe im Ural oder chinesische Hafenstädte.

    „Vielleicht kommt auch was rein“, sagte er leise. „Vielleicht fliegen die russischen Vögel schon und unsere Radarsatelliten sind einfach nur tot.“

    Die Vorstellung, dass da draußen bereits Sprengköpfe auf uns herabregnen, schien ihn fast zu beruhigen. Ein schneller Tod durch das Atom wäre ihm lieber als das, was wir über den Kurzwellenfunk fetzenweise mitbekommen haben.

    Miller hat ein Foto von seiner Frau und seinen zwei Mädchen an das Terminal geklebt. Sie leben in Alexandria, direkt vor den Toren von D. C. er hat heute den Schlüssel für die Startsequenz poliert. Er sagt, er tut es für sie. Um die Welt für sie sicher zu machen. Er freut sich fast darauf, morgen die Koordinaten für die „Rückeroberung“ einzugeben. Er glaubt fest daran, dass wir den Weg für die Truppen frei machen, die seine Familie retten werden.

    Datum: 10 November, Jahr 0

    09:12: Das rote Licht der EAM-Konsole leuchtet. Keine Übung. Der Code ist „Skyfall“. Die Stimme des Generals am Funk ist beängstigend ruhig. Er liest die Authentifizierungscodes vor. Miller tippt sie mit zitternden Fingern ein. Das System bestätigt: Valid Order.

    09:15: Der Streit beginnt. Der Befehl lautet: manuelle Zielvorgabe – set 70 Alpha bis 82 Delta. Miller starrt auf das Handbuch. Er fängt an zu zittern. „Elias … das ist nicht Russland. Das ist kein Gegenschlag.“ Ich sehe ihn an. „Tipp die Zahlen ein, Miller. Der General hat gesagt, es geht um die Rückeroberung.“ „Rückeroberung?!“, schreit Miller mich an. Er wirft das Handbuch gegen die Konsole. „Set 70 ist D. C.! 38 Grad Nord, 77 Grad West! Er will, dass wir das District beschießen! Er will, dass wir Alexandria auslöschen!“

    09:22 Uhr: Die Auseinandersetzung eskaliert. Miller weigert sich, die Eingabe abzuschließen. Er behauptet, die Frequenz sei gehackt worden. „Es sind die Chinesen, Elias! Es muss ein Deepfake sein! Sie nutzen die Stimme des Generals, um uns dazu zu bringen, uns selbst dazu zu bringen, uns selbst zu vernichten! Das ist ein Täuschungsmanöver, das ist die einzige Erklärung!“ Ich packe ihn an den Schultern. „Miller, hör mir zu! Es gibt kein China mehr! Es gibt kein Russland! Wir haben seit Wochen nichts mehr von dort gehört! Wenn der General sagt, wir müssen die Städte bombardieren damit unsere Truppen sie säubern können, dann tun wir das!“ „Dort ist meine Frau, verdammt! Meine Töchter!“ brüllt er mir ins Gesicht. Er zieht seine Dienstwaffe, zielt aber nicht auf mich, sondern auf den Computer. „Ich lasse nicht zu, dass du diesen Dreck eintippst!“

    09:40: Ein Patt. Ich ziehe meine Waffe nicht. Ich rede auf ihn ein. Ich lüge ihn an. Ich sage ihm, was er hören will.

    09:55 Uhr: Die Resignation

    Miller bricht zusammen. Er setzt sich in seinen Stuhl. Er wirkt wie eine leere Hülle. Er flüstert: „Vielleicht hast du recht. Vielleicht ist es der einzige Weg. Die Reinigung … damit alles wieder normal wird.“

    Wir führen die Zwei-Mann-Regel aus. Ich gebe die Koordinaten für Washington D. C., New York und Chicago ein. Die Konsole leuchtet grün: Targets Locked.

    10:02 Uhr: Der Start

    Wir halten beide unsere Schlüssel. „Auf Drei“, sage ich. – Eins, Zwei, Drei – das mechanische Geräusch der Schlösser ist das lauteste Geräusch, das ich je gehört habe. Ein tiefes Grollen erschüttert den Silo. Die Minuteman III verlässt den Schacht. Die Anzeigen schlagen aus. In 30 Minuten wird Alexandria aufhören zu existieren.

    Eine Illustration eines Raketenstarts aus einem großen, runden Schacht, umgeben von einer grünen Landschaft unter bewölktem Himmel.

    10:04 Uhr: der Schuss.

    Ich wollte gerade etwas sagen, etwas wie „Gott steh uns bei“. Aber da war nur dieses Knallen. Miller hat nicht gezögert. Er hat die M9 unter sein Kinn gesetzt und abgedrückt. Sein Blut ist überall auf dem Foto seiner Kinder. Er musste nicht warten, bis die Welt brennt. Er ist schon vorher gegangen.

    22:00 Uhr: Stille.

    Ich habe Millers Körper in den leeren Raketenschacht geschleift. Es war schwer, er war schwerer, als er aussah. Ich habe ihn dort unten gelassen, in der Tiefe, wo das Feuer der Rakete noch an den Wänden klebt.

    Ich habe die hydraulischen Schotttüren mit einer Axt zertrümmert. Niemand wird jemals wieder hier reinkommen. Miller hat sein Grab im Herzen Amerikas gefunden.

    Ich bin jetzt allein. Ich höre nur noch das Summen der Lüftung. Da draußen muss es jetzt sehr hell sein.

    Kommentar des Archivars: „Thorne hinterließ dieses Tagebuch als einzige Nachricht an eine Welt, von der er glaubte, sie existiere nicht mehr. Wir haben Millers Überreste im Schacht gefunden – genau dort, wo Thorne ihn zur ewigen Ruhe gebettet hatte. Sie sind stumme Zeugen des Augenblicks, in dem die Menschheit beschloss, ihre eigene Geschichte mit dem atomaren Radiergummi auszulöschen.“

    Titel: Bier, Bohnen und das Sterben der Signale

    Status: Geborgen aus den persönlichen Aufzeichnungen von Staff Sergeant Thorne

    Kategorie: Phase V – die nukleare Agonie (Dezember, Jahr 0)

    Tagebuch-Fragment: Staff Sergeant Elias Thorne

    Datum: 15. November Jahr 0

    Ich habe heute Morgen die Böden im Kontrollzentrum gewischt. Es gibt keinen Grund dazu, es läuft hier unten niemand außer mir herum, aber der Geruch von Desinfektionsmittel überdeckt den metallischen Beigeschmack der Luft. Disziplin ist alles, was mir geblieben ist. Wenn ich aufhöre, die Protokolle zu führen, gewinnt der Wahnsinn.

    Ich habe heute ein kleines Fest gefeiert. Jedenfalls nenne ich es so. Ich habe im hinteren Lagerraum eine Kiste gefunden, die Miller dort versteckt haben muss – wahrscheinlich für den Tag, an dem wir abgelöst werden sollten. Sechs Dosen Budweiser und eine Packung gesalzene Nüsse. Ich habe eine Dose geöffnet. Sie war warm und schmeckte nach Metall, aber es war das Beste, was ich seit Monaten getrunken habe. Ich habe auf Miller angestoßen. Er antwortet nicht mehr, aber das Schweigen im Schacht ist besser als das Radio.

    Der Status der Welt:

    Der Funk ist heute noch aktiv, aber es ist ein Chaos. Das Internet ist seit gestern Nacht komplett weg. Die Serverfarmen müssen wohl aufgegeben worden sein oder die Kabel sind geschmolzen.

    Ich habe die Kurzwelle gescannt. Hier ist, was ich heute aufgeschnappt habe:

    09:00 Uhr: Ein Piratensender aus dem pazifischen Nordwesten spielt in Dauerschleife „God Bless America“. Dazwischen liest eine Frau Namen vor. Tausende Namen. Es sind Vermisstenlisten. Sie weint nicht einmal mehr.

    11:30 Uhr: Ein offizieller Kanal der FEMA sendet automatisiert. Sie geben Anweisungen für Evakuierungszentren in Ohio, die es wahrscheinlich gar nicht mehr gibt. Sie sagen, man solle „ruhig bleiben und auf die Nationalgarde warten“. Ich wollte laut lachen, aber meine Kehle war zu trocken.

    14:00 Uhr: Das war das Seltsamste. Ein Signal aus Island. Es klang militärisch, sehr professionell. Sie haben Koordinaten durchgegeben und Schiffe angeworben. „Hier spricht Reykjavik. Wir haben Treibstoff, wir haben Brot, wir haben Waffen. Kommt nach Norden.“ Sie klingen so verdammt organisiert, als hätten sie den Rest von uns schon längst abgeschrieben.

    Mein Vorratsschrank sieht noch gut aus, wenn man auf Dosenfraß steht. Ich habe noch etwa 200 Einheiten „Mahlzeitenersatz“. Wenn ich rationiere, schaffe ich es bis zum Frühjahr. Aber wofür?

    Draußen zeigen die Sensoren der Außenhülle Werte an, die ich nicht verstehe. Die Strahlungswerte sinken langsam, aber die Temperatur ist innerhalb von zwei Tagen um 15 Grad gefallen. Der nukleare Winter, von dem sie immer gesprochen haben? Oder einfach nur ein verdammt kalter November in Montana?

    Ich werde jetzt die zweite Dose Bier trinken und versuchen, nicht an das Gesicht von Millers Frau zu denken, als wir den Schlüssel gedreht haben. Ich hoffe, das Bier macht mich müde genug, um das Kratzen an den äußeren Belüftungsschächten zu ignorieren. Ich weiß nicht, ob es der Wind ist oder ob dort oben doch noch etwas lebt.

    Titel: Die falsche Morgenröte

    Verfasser: Sir Michael Knoll

    Status: Rekonstruiert aus den Logbucheinträgen Ende Dezember, Jahr 0.

    Kategorie: Phase V – die nukleare Agonie

    Tagebuch-Fragment: Staff Sergeant Elias Thorne

    Datum: 28. Dezember, Jahr 0

    Ich habe die letzten Zwei Tage fast nur auf meiner Pritsche gelegen. Das Licht im Kontrollraum flackert jetzt rhythmisch, ein nervöses Zucken der Neonröhren. Das mich wahnsinnig macht. Ich hatte angefangen, die Stunden nicht mehr zu zählen. Warum auch? Die Welt da draußen ist ein Grab, und ich sitze in einer Urne.

    Aber heute … heute ist was passiert.

    Ich saß am Funkgerät, der Kopf auf den Armen, und hörte dem ewigen Rauschen zu. Es ist wie das Geräusch des Meeres, wenn das Meer aus statischer Elektrizität bestünde. Und dann, plötzlich, brach es durch. Ein Knacken, so scharf wie ein Peitschenhieb und dann eine Stimme. Verzerrt, abgehackt, aber unverkennbar militärisch.

    Ein Soldat kniet vor einem Bildschirm in einem verwahrlosten Raum mit alten Monitoren und Geräten.

    „…hier Victor-One-Niner… Strike bestätigt… Taktischer Gefechtskopf erfolgreich ausgebracht… Zielgruppe Delta-Alpha neutralisiert… Wir kehren auf Kurs Borealis-Nord zurück. Ende.“

    Ich bin aufgesprungen. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Victor-One-Niner. Das ist ein Rufzeichen der Navy. Ein U-Boot. Ein Atom-U-Boot da draußen ist noch aktiv! Sie führen Schläge aus! „Zielgruppe neutralisiert“ – das bedeutet, sie säubern die Küsten. Sie schlagen zurück. Der General hatte recht. Die Rückeroberung läuft!

    Sie haben „Borealis-Nord“ gesagt. Vielleicht ein Code-Name für ein Sammelbecken der Flotte? Vielleicht sammeln sie sich in Kanada oder Grönland?

    Plötzlich fühlte ich mich wieder wie ein Soldat. Ich bin zum Vorratsschrank gerannt und habe alles auf den Boden geworfen. Ich muss länger durchhalten. Wenn die Navy da draußen aufräumt, kommen sie irgendwann dann auch ins Landesinnere. Sie werden die Silos Entsperren.

    Mein neuer Rationierungsplan:

    • Frühstück: nur noch ein halber Becher Vitamin-Konzentrat. Das Wasser ist noch zu zwei Drittel voll, aber ich werde die Filter nur noch jeden zweiten Tag spülen.
    • Mittag: Ausfall. Komplett.
    • Abend: ein Drittel einer Ration „Mahlzeitersatz“. Ich habe noch 42 ungeöffnete Beutel. Wenn ich mich nicht bewege, wenn ich nur noch sitze und warte, kann ich das auf 80 Tage dehnen.
    • Der Whiskey: Er bleibt zu. Er ist jetzt wichtiger als je zuvor. Er ist die Belohnung für den Tag, an dem das U-Boot-Kommando die Luke aufsprengt.

    Ich habe heute wieder Liegestütz gemacht. 50 Stück. Ich bin vor Erschöpfung fast in Millers Blutfleck kollabiert, aber ich habe gelacht. Sie sind noch da draußen. Die USA sind nicht tot, sie schießen noch.

    Gott segne die Navy. Gott segne den borealen Norden, wo auch immer das ist.

    Kommentar des Archivars. Es ist schwer, diese Zeilen zu lesen, wenn man die Wahrheit kennt. Victor-One-Niner war die „USS Montana“ (welch Ironie des Schicksals), ein Boot, dessen Besatzung bereits Monate zuvor den Eid auf die isländische Militärführung abgelegt hatte. Der „Strike“ galt keinem Feind der USA, sondern einem unkontrolliert treibenden Verbund aus Hunderten Frachtern und Jachten, voll besetzt mit Infizierten und sterbenden Flüchtlingen mit Kurs auf die Färöer-Inseln. Island schützte seine Grenzen mit nuklearer Härte.

    Titel: Generalversammlung im Dunkeln

    Status: Tagebucheintrag, Ende Januar, Jahr 1

    Kategorie: Phase V – die nukleare Agonie

    Datum: Unbekannt (Jahr 1)

    Das Rot. Alles ist jetzt rot. Die Hauptreaktoren haben abgeschaltet, nur noch die Batteriebänke summen in der Tiefe. Das System sagt, wir sparen Energie für „essenzielle Funktionen“. Ich schätze, das Licht zum Lesen gehört nicht dazu. Ich schreibe das hier im Schein der EAM-Konsole.

    Mein Magen hat aufgehört zu schmerzen. Das ist ein schlechtes Zeichen, glaube ich. Er ist jetzt einfach nur leer und still, wie ein altes Haus. Ich habe heute die letzte Ration geteilt. Ein halber Beutel für heute, ein halber für … wann auch immer.

    Ein nachdenklicher Mann mit Bart sitzt in einer verwahrlosten Umgebung, umgeben von zwei schemenhaften Figuren. Vor ihm liegt eine Pistole und eine leere Flasche, während er ein Glas in der Hand hält.

    Aber die strategische Lage hat sich gebessert. Ich bin nicht mehr allein im Dienst.

    Ich habe heute lange mit General Washington gesprochen. Er kam über den Äther rein, ganz klar, trotz des Rauschens. Er trug diese alte Uniform, ich konnte sie fast durch den Lautsprecher riechen – Pulverdampf und nasses Pferdefell. Er fragte mich nach der Moral der Truppe. Ich sagte ihm, dass Miller schläft, aber das die Verteidigungslinien halten. Er nickte, ich glaube, er war zufrieden. Später schaltete sich General Lee ein. Er klang müde, genau wie ich. Er sprach über Virginia und darüber, dass m an manchmal den Boden niederbrennen muss, um ihn zu retten. Wir haben über die Koordinaten vom 10. November diskutiert. Er sagte, es sei eine „notwendige Flankenbewegung“ gewesen. Er nannte mich einen „guten Soldaten“. „Sergeant“, sagte Lee zu mir, „die Geschichte ist nur eine Reihe von Feuern. Wir sind die Männer, die die Fackeln halten“. Ich habe versucht, von dem U-Boot zu erzählen, von der Navy im Norden. Aber dann kam ein Major vom Kontinentalkongress dazwischen und beschwerte sich über den Mangel an Bajonetten. Ich habe gelacht, dass ich Blut gehustet habe.

    Statusbericht:

    • Vorräte: drei Beutel noch. Und der Whiskey.
    • Energie: Die Lüftung arbeitet nur noch 10 Minuten pro Stunde. Die Luft ist dick. Sie schmeckt nach verbrauchtem Atem und Miller.
    • Feindkontakt: Das Kratzen an der Luke ist weg. Jetzt ist es ein Klopfen. Ganz höflich. Tack-Tack-Tack.

    Ich habe den Whiskey heute in die Hand genommen. Das Glas war so kalt. Washington hat mir davon abgeraten. Er sagte ein, Offizier trinkt erst, wenn die Kapitulation unterzeichnet ist. Aber wir kapitulieren nicht, oder? Wir reinigen nur den Boden.

    Ich werde jetzt wieder Schach spielen. General Lee möchte die weißen Figuren. Er sagt, er hat genug von Grau.

    Titel: Bahamas und Blut

    Status: Tagebucheintrag, vermutlich Februar, Jahr 1

    Kategorie: Phase V – die nukleare Agonie

    Tagebuch-Fragment: Staff Sergeant Elias Thorne

    Datum: Keine Angabe möglich

    Das Licht kam heute wieder. Pünktlich. Die Maschinen haben mehr Disziplin als ich. Eine Stunde lang brennt die Deckenleuchte über dem Kontrollterminal, dann stirbt sie wieder für dreiundzwanzig Stunden.

    Ich sitze in der Mitte des Raumes auf dem Boden. Vor mir liegt die leere Packung der Hershey-Schokolade. Ich halte sie mir immer wieder an die Nase. Wenn ich die Augen fest schließe, kann ich den Zucker fast schmecken. Daneben steht der Whiskey. Ungeöffnet. Und Millers Pistole.

    Direkt über Millers leerem Stuhl hängt dieser verdammte Kalender. „Die schönsten Ziele der Welt“. Februar: die Bahamas. Weißer Sand, türkisfarbenes Wasser. Ich starre darauf, solange das Licht brennt. Ich frage mich, was sie dort zu Mittag essen. Gegrillten Fisch? Obst? Und ob sie dort noch Dollar nehmen? Ich habe noch zwanzig Dollar in der Tasche. Vielleicht reicht das für einen Drink mit einem dieser kleinen Schirmchen.

    Dann geht das Licht aus. Und die Gäste kommen.

    Es ist jetzt sehr voll hier unten. Julius Cäsar sitzt auf der Konsole und streitet mit Dschingis Khan über Logistik. Der Khan sagte, wir hätten die Pferde essen sollen. Cäsar will die Mauern befestigen.

    In der Ecke flüstern Hitler und Stalin miteinander. Sie klingen wie alte Freunde, die über die Effizienz von Eisenbahnen sprechen. Es ist widerlich, aber ich kann sie nicht wegschicken. Und da ist dieser Mann in Schwarz…

    Manchmal schlägt der Blitz ein und ich bin kurz wieder Elias. Ich denke mir dann: „Mensch Elias, hättest du mal Medizin studiert.“ Dann könnte ich jetzt vielleicht verstehen, warum mein Körper sich anfühlt, als wäre er aus Glas. Oder ich wäre bei der Navy. Aber nein, Gott bewahre. Auf die Navy kann man sich nicht verlassen. Ich warte seit Ewigkeiten auf ihre Schiffe, auf dieses U-Boot, aber sie kommen nicht. Wahrscheinlich haben sie sich verfahren. Typisch Navy.

    Ich habe heute versucht, Cäsar den Whiskey anzubieten, aber er sagt, er trinke nur Wein aus Gallien. Hitler wollte ihn auch nicht, er trinkt wohl nur Tee.

    Ich habe Angst vor der nächsten Dunkelheit. Wenn das Licht ausgeht, fangen sie wieder an zu schreien. Sie streiten darüber, wer die Welt am gründlichsten zerstört hat. Ich melde mich dann manchmal und sage: „Ich war es. Ich habe den Schlüssel gedreht.“ Dann schauen sie mich alle an. Und sie lächeln.

    Titel: Abmeldung in den Tod

    Status: Letzter Eintrag im Thorne-Logbuch, datiert vermutlich auf Ende Februar, Jahr 1

    Kategorie: Phase V – die nukleare Agonie

    Tagebuch-Fragment: Staff Sergeant Elias Thorne

    Datum: kein Zeitgefühl mehr, das Licht war gerade da.

    Das Licht ging am und plötzlich war der Nebel in meinem Kopf weg. Keine Generäle mehr, kein Kaiser. Nur ich. Ich sah mich um und schämte mich für den Dreck. Ich wunderte mich sogar, warum ich die ganzen Wochen im Dunkeln saß – ich habe hier überall Taschenlampen. Ich habe sie alle eingesammelt und im Kontrollraum aufgestellt. Es ist jetzt heller als in den letzten Monaten zusammen.

    Ich bin in mein Quartier gegangen. Es hat dort nach Stillstand gerochen. Ich habe meine alte Arbeitskleidung ausgezogen und mich gewaschen, so gut es mit dem kalten Restwasser ging. Dann habe ich meine Ausgangsuniform aus dem Schrank geholt. Ich habe die Schuhe poliert, bis ich mich darin spiegeln konnte (ich sehe schrecklich aus). Ich habe die Orden angesteckt (macht mehr Eindruck als so ein schmuckloses Ordensband). Sie fühlen sich schwer an, aber sie geben Halt.

    In meiner Feldkiste habe ich ihn gefunden: den Füllfederhalter von Großvater. Er schenkte ihn mir am Tag meiner Vereidigung. „Schreib die Geschichte auf, Elias“, hat er gesagt. „Schreib sie ehrlich auf“. Nun Opa, hier ist sie. Das Ende vom Lied.

    Ich bin zurück in den Kontrollraum. Die Pistole lag noch da, geduldig wie ein alter Hund. Der Whiskey auch. Ich bin zu meinem Sessel gegangen. Meinem Sessel. Dem Platz, von dem aus ich die Welt verbrannt habe.

    Ich habe die Flasche angesehen und laut gelacht. „Scheiß auf die Navy“, habe ich gesagt. Die kommen nicht mehr. Keiner kommt mehr.

    Ein nachdenklicher Mann in militärischer Kleidung sitzt in einem dunklen Raum, hält ein Glas in der Hand und hat eine Waffe auf des Tisch liegen. Im Hintergrund sind Kerzen und Flaschen sichtbar.

    Ich habe den Korken gezogen. Der Geruch von Kentucky-Eiche und Mais hat den ganzen Raum erfüllt. Ich habe mir das Glas randvoll eingegossen. Der erste Schluck hat in meiner Kehle gebrannt wie flüssiges Gold. Ich habe das Glas geleert, in einem Zug. Mein ganzer Körper hat gezittert, als die Wärme meine Glieder erreichte.

    Ich dachte kurz darüber nach, die ganze Flasche zu trinken. Aber ein Soldat lässt immer was für die Ablöse übrig. Vielleicht findet den Bunker ja doch noch jemand. Die Air Force, oder vielleicht ein Trupp Apachen, die durch die Prärie reiten. Ich habe mir noch einen kleinen Fingerbreit eingeschenkt.

    Ich habe das Glas gehoben und dem Kalender über Millers Platz zugeprostet. „Auf die Bahamas, Jungs“, flüsterte ich. „Ich hoffe, der Drink dort ist kalt“. Dann habe ich den letzten Schluck getrunken.

    Es ist Zeit. Die Taschenlampen werden schwächer. Ich spüre, wie die Batterien sterben. Aber das ist okay. Ich bin bereit.

    Ich habe meinen Dienst beendet und melde mich ab.

    Nachwort des Archivars: Thorne setzte sich nach diesem Eintrag wieder auf seinen Stuhl, legte das Logbuch ordentlich auf das Pult und nahm Millers Waffe auf. Ein einziger Schuss beendete die Isolation von Silo 4-Alpha. Als unsere Teams den Silo im Jahr 12 öffneten, fanden sie ihn dort sitzen. Aufrecht in seiner blauen Uniform, die Hand noch locker am Whiskeyglas. Wir haben beide an der Oberfläche mit allen militärischen Ehren begraben.

    Das war es wieder einmal, ich hoffe Sie fanden den Text in einem ähnlichen Ausmaß so interessant wie ich und verabschiede mich. Ich wünsche noch einen schönen Abend, bleiben Sie mir gewogen, bis bald.

  • Geheime Einblicke in Dokumente der Pandemie

    Geheime Einblicke in Dokumente der Pandemie

    Ich wünsche einen schönen guten Abend hier aus meinem Archiv. Heute landete wieder einige Datensätze auf meinem Schreibtisch, von denen manche, so meine ich von besonderen öffentlichen Interesse sind. Ein Satz aus dem ehemaligen Deutschland, der uns vor Augen führt, wie die konsequente Geheimhaltung Europas zur Frühphase der Pandemie das Unglück nur beschleunigte. Ich bin auch auf eine besondere Pressesammlung aus Südafrika gestoßen, die man der Öffentlichkeit nicht vorenthalten sollten. Der Umstand, dass die HMS Daring momentan vor Anker liegt und generalüberholt wird bot mir die Gelegenheit, die Funkprotokolle des Schiffes auszuwerten, sie reichen bis in das Jahr 1 vor der Pandemie zurück. Auch hier fand ich einen Datensatz, der von öffentlichem Interesse ist. Ich werde auch heute meine Tradition fortführen und mit einem Einzelschicksal abschließen. Beginnen wir nun mit dem Beitrag aus Deutschland. Es handelt sich um ein Dokument aus der Frühphase Europas.

    Deutschland

    Eine Gruppe von Soldaten in einem kriegerischen Setting, während ein Soldat Notizen macht.

    Dokument 1.5: Einsatzbefehl – Operation „Heimatschutz Berlin“

    Ort: Julius-Leber-Kaserne, Berlin-Reinickendorf

    Datum: ? Jahr 0

    Zeit: 05:30 Uhr

    Sprecher: Oberst i.G. Holger von Stetten

    Empfänger: 3. Sanitätsregiment 1 / 7. ABC-Abwehrbataillon 7

    Protokoll der Ansprache

    (Oberst von Stetten tritt vor das Karree. Die Soldaten stehen in Formation, es herrscht gedrückte Stille. Die Morgensonne wirft lange Schatten auf den Appellplatz.)

    Oberst von Stetten:

    „Soldatinnen und Soldaten, rühren!

    Ich werde mich kurz fassen. Sie alle haben die Gerüchte der letzten Tage gehört. Vergessen Sie sie. Wir sind Soldaten der Bundeswehr, keine Leser von Klatschblättern. Die Lage in den Berliner Krankenhäusern und bei den zivilen Rettungskräften ist aufgrund einer unklaren Infektionslage angespannt. Der Senat hat um Amtshilfe gemäß Artikel 35 Grundgesetz ersucht.

    An die Sanitätskompanie: Ihr Auftrag lautet: Unterstützung des Personals in der Charité und im Virchow-Klinikum. Sie verstärken die Triage und die pflegerische Basisversorgung.

    Dabei gilt: Sie leisten diesen Dienst unbewaffnet. Wir sind hier nicht im Einsatzland, wir sind in der Bundeshauptstadt. Sie unterstehen fachlich den Anordnungen der zivilen Rettungskräfte und der Exekutive vor Ort.

    Zur Sicherheit und Geheimhaltung: Ich mache das unmissverständlich klar: Dieser Einsatz unterliegt der höchsten Geheimhaltungsstufe. Jeglicher Kontakt zur Presse, zu schaulustigen Dritten oder zur Außenwelt ist untersagt. Das gilt ab sofort auch für Ihre Angehörigen. Ihre Mobiltelefone werden bis auf Weiteres eingezogen. Wir können keine Panik in der Bevölkerung gebrauchen, nur weil ein Soldat glaubt, eine Schauergeschichte nach Hause schicken zu müssen. Bei Konfrontationen mit Zivilisten halten Sie sich zurück und wenden sich umgehend an die anwesende Polizei. Sie sind dort, um zu helfen, nicht um zu eskalieren.

    Nun zum ABC-Abwehrtrupp: Ihr Auftrag ist spezifisch. Sie unterstützen die Berliner Feuerwehr bei der Bergung und Entsorgung von kontaminiertem Material und Verstorbenen. Auch Sie führen keine Waffen. Zu Ihrem Schutz und zur Sicherung der nationalen Integrität werden Ihre Trupps jedoch permanent von Feldjägern und Einheiten der Berliner Polizei begleitet.

    Die Verstorbenen werden in Sondertransporten aus den Kliniken direkt an einen gesicherten Ort im Umland verbracht. Dort erfolgt unter Ihrer Aufsicht die sofortige thermische Vernichtung. Keine Autopsien, keine Aussegnungen, keine Verzögerungen. Brandschutz und Kontaminationsschutz haben oberste Priorität.

    Gibt es Fragen? Kurz und präzise!“

    Fragerunde

    Hauptgefreiter Müller (San.): „Herr Oberst, bei allem Respekt – was ist das für eine Krankheit? Die Leute in der Charité reden von Dingen, die… die medizinisch keinen Sinn ergeben. Müssen wir uns besonders schützen?“

    Oberst von Stetten: „Gefreiter, Sie sind Sanitäter, kein Virologe. Mit hochkomplexen medizinischen Details könnten Sie in Ihrer Funktion ohnehin nichts anfangen. Halten Sie sich an die ausgegebenen Hygienerichtlinien. Das muss Ihnen genügen.“

    Oberfeldwebel Schmidt (ABC): „Herr Oberst, Sie sprachen von Konfrontationen. Mit wem? Und wohin genau bringen wir die Toten? Wir müssen die Logistik für den Vorort planen.“

    Oberst von Stetten: „Oberfeldwebel, welche Konfrontationen entstehen könnten, werden Sie sehen, wenn es so weit ist. Und was den Bestimmungsort angeht: Die Koordinaten erhält der jeweilige Fahrzeugführer bei Abfahrt. Vorher nicht. Es ist ein geheimer Ort, und das bleibt er auch.“

    Abschluss

    Oberst von Stetten:

    „Lassen Sie mich eines deutlich sagen: Wir befinden uns in einer Lage, die nationale Disziplin erfordert. Wer die Geheimhaltung bricht, wer Informationen nach draußen trägt oder den Dienst verweigert, wird umgehend wegen Landesverrats und Gehorsamsverweigerung inhaftiert. Wir befinden uns faktisch im Verteidigungszustand, auch wenn es noch niemand so nennt.

    Haben wir uns verstanden?

    Sanitäter und ABC-Trupp: Abmarschbereitschaft in 15 Minuten!

    Abtreten!“

    Analyse des Archivars

    Oberst von Stetten wusste am 15. Juli bereits, dass die „Toten“ nicht immer tot blieben. Die Begleitung durch Feldjäger diente nicht dem Schutz der ABC-Soldaten vor Zivilisten, sondern dem Schutz vor den eigenen Kameraden, sollten diese bei den Verbrennungen im Berliner Umland (nahe dem ehemaligen Truppenübungsplatz Döberitzer Heide) die Nerven verlieren. Von den 180 Soldaten, die an diesem Morgen abtraten, kehrte keiner in seine Kaserne zurück.

    DOKUMENT 1.6: EINSATZPROTOKOLL „SÜD-WEST“

    Einheit: 2. Kompanie, Feldjägerregiment 1 (Begleitschutz)

    Einsatznummer: B-HK-07/15-02

    Datum: 15. Juli, Jahr 0

    Transport-ID: KONVOI-DELTA (3x LKW 5t gl, 1x SanPz Fuchs, 2x Feldjäger-Kfz)

    Zielort: Liegenschaft „Objekt 22-A“ (Ehemalige militärische Deponie, Brandenburg)

    I. ZEITLICHER ABLAUF

    21:14 Uhr: Beladung der LKW 1 bis 3 am rückwärtigen Ausgang der Charité abgeschlossen. Ladung: 42 „Sondereinheiten“ (verstorbene Patienten in vorschriftsmäßigen B-Schutzhüllen). ABC-Trupp unter Führung OFw Schmidt meldet Abmarschbereitschaft.

    21:50 Uhr: Konvoi verlässt das Stadtgebiet Berlin via AVUS. Keine besonderen Vorkommnisse. Die Geheimhaltung ist gewahrt.

    22:20 Uhr: Ankunft am Waldrand nahe „Objekt 22-A“. Der Konvoi stoppt vor dem verschlossenen Haupttor.

    22:22 Uhr: Beginn des Zwischenfalls.

    II. BESCHREIBUNG DES ZWISCHENFALLS

    Während der Prüfung der Einfahrtspapiere meldet der Fahrer von LKW 2 (HG Müller) über Funk ungewöhnliche Geräusche von der Ladefläche. Er beschreibt es als „heftiges Schlagen gegen die Bordwand“ und „Scharrgeräusche“.

    Ich (Hauptmann Weber) befahl OFw Schmidt (ABC), die Ladungssicherung visuell zu prüfen, ohne die Plane zu öffnen. Noch vor Durchführung des Befehls kam es zu massiven Erschütterungen im Inneren von LKW 2. Die Plane wurde von innen durchstoßen. Dabei wurde deutlich, dass die verwendeten B-Schutzhüllen (Leichensäcke) von innen zerrissen worden waren.

    Um 22:25 Uhr fiel eine der Einheiten vom Ende der Ladefläche direkt vor den SanPz Fuchs. Die Einheit (weiblich, ca. 60 Jahre, bekleidet mit Krankenhaushemd) wies keine Vitalzeichen auf, bewegte sich jedoch mit hoher Frequenz und unnatürlicher Kraft. Trotz einer offensichtlichen Fraktur des rechten Beins durch den Sturz versuchte die Einheit, die Feldjäger-Patrouille anzugreifen.

    III. MASSNAHMEN UND REAKTION

    Der ABC-Trupp geriet kurzzeitig in Panik. HG Müller verließ eigenmächtig das Fahrerhaus und wurde von einer zweiten Einheit, die von der Ladefläche sprang, am Hals verletzt.

    Gemäß der mündlichen Voranweisung von Oberst von Stetten für „Extremsituationen im Rahmen der Seuchenabwehr“ wurde die sofortige thermische Bereinigung vor Ort angeordnet.

    Feuerkampf: Die Feldjäger-Begleitung setzte ihre Dienstwaffen (HK G36) ein, um die flüchtigen Einheiten zu stoppen. Es wurde festgestellt, dass Treffer in den Torso keine Wirkung zeigten. Erst gezielte Treffer im Kopfbereich führten zur Immobilität.

    Brandsetzung: Da eine Rückführung der kontaminierten Fahrzeuge in die Kaserne ausgeschlossen war, wurden alle drei LKW inklusive der verbliebenen Ladung unter Einsatz von Brandbeschleunigern (Depotbestand Objekt 22-A) noch auf dem Zufahrtsweg vernichtet.

    IV. VERLUSTE UND SCHÄDEN

    Personal: HG Müller (San) – vermisst/als verloren eingestuft nach Bissverletzung und anschließendem Brandereignis.

    Material: 3x LKW 5t gl (vollständig zerstört), 42 Einheiten (thermisch neutralisiert).

    Personal (Sicherheit): Zwei Feldjäger unter Schock, nach Rückkehr in die Julius-Leber-Kaserne unter Quarantäne gestellt.

    V. BESONDERE BEOBACHTUNGEN

    Die Einheiten gaben während des gesamten Vorfalls keine Schmerzensschreie oder sonstige verbale Laute von sich. Das Geräusch beim Aufprall der Körper auf dem Asphalt glich dem von leblosem Material, ungeachtet der sofortigen anschließenden Angriffsbewegungen.

    Gez. Weber, Hauptmann

    Feldjägerregiment 1

    Anmerkung des Archivars

    Dieses Protokoll wurde nie archiviert, sondern sollte vernichtet werden. Ein Feldwebel der Schreibstube kopierte es heimlich, bevor er drei Tage später desertierte. Es ist das erste deutsche Militärdokument, das die Wirkungslosigkeit konventioneller Trefferzonen und die absolute Notwendigkeit der „thermischen Bereinigung“ faktisch belegt. Dass man HG Müller einfach dem Feuer überließ, zeigt, wie schnell die Menschlichkeit der militärischen Zweckmäßigkeit wich.

    Der nächste Datensatz führt uns ein ganzes Stück nach Süden, um genauer zu sein nach Johannesburg (Südafrika) hier handelt es sich um einen Pressetext, der etwa zu der Zeit entstand, als der wahre Charakter der Krankheit so allmählich publik wurde.

    Südafrika

    Eine Gruppe von Männern rennt durch eine staubige Landschaft, umgeben von einfachen Hütten. Sie sind schmutzig und scheinen emotional aufgeregt zu sein.

    THE JOHANNESBURG GAZETTE

    Mittwoch, 19. Juli, Jahr 0 | Preis: 18.00 Rand

    CHAOS IN DIEPSLOOT: POLIZEI AN DER BELASTUNGSGRENZE – WER SCHÜTZT UNSERE VORSTÄDTE?

    Von Hendrik van de Merwe

    JOHANNESBURG – Während die Regierung in Pretoria weiterhin von einer „kontrollierten Lage“ spricht, glichen die Szenen gestern in der informellen Siedlung Diepsloot einem Kriegsschauplatz. Fast das gesamte Aufgebot der South African Police Service (SAPS) aus dem Großraum Johannesburg wurde zusammengezogen, um einen vermeintlichen „Aufstand“ niederzuschlagen. Doch Augenzeugen berichten von weit verstörenderen Szenen als bloßen sozialen Unruhen.

    Gerüchte über die „Reanimations-Krankheit“, die bereits weite Teile Zentralafrikas und Südostasiens verheert hat, erhielten gestern neue Nahrung. Rauchwolken hingen über dem Slum, während gepanzerte Fahrzeuge versuchten, die engen Gassen abzuriegeln. Offiziell spricht das Innenministerium von „gewalttätigen Ausschreitungen unzufriedener Elemente“. Inoffiziell sickern Berichte über Hospitalisierungen durch, bei denen Patienten eine unnatürliche Aggression und „postmortale Symptome“ zeigten.

    Ein Skandal der Prioritäten

    Was die steuerzahlenden Bürger von Sandton, Bryanston und Houghton jedoch am meisten erzürnen sollte, ist nicht das Elend in den Townships, sondern die völlige Entblößung der zivilisierten Viertel. Während Hunderte von Polizisten ihre Zeit damit verschwenden, einen aussichtslosen Kampf in einem Viertel zu führen, das ohnehin keinen Beitrag zum Bruttosozialprodukt leistet, bleiben die echten Stützen der Gesellschaft schutzlos zurück.

    „Es ist ein Skandal“, sagt ein Anwohner einer Gated Community in Sandton. „Wir zahlen die höchsten Sicherheitssteuern der Welt, aber unsere Streifenwagen stehen jetzt in Diepsloot, um Sozialschmarotzer davon abzuhalten, sich gegenseitig zu beißen. Wer schützt uns, wenn diese Krankheit über die Mauern unserer Viertel klettert?“

    Die Sorge ist berechtigt: Wenn die Polizei alle Kräfte in einem „vernachlässigbaren Viertel“ bindet, entsteht ein Sicherheitsvakuum, das Kriminelle – und womöglich weit Schlimmeres – geradezu einlädt. Die Verbreitung der Krankheit auf den produktiven und wertvollen Teil der Gesellschaft scheint nur noch eine Frage der Zeit, wenn die Quarantäne-Maßnahmen weiterhin so halbherzig durchgeführt werden.

    Pretoria beschwichtigt weiter

    Ein Sprecher der Regierung wies die Kritik der Gazette gestern Abend scharf zurück. „Wir haben ein begrenzbares Problem in Diepsloot“, hieß es in einer kurzen Mitteilung. „Jeder Bürger Südafrikas, ungeachtet seines Wohnortes, hat eine Daseinsberechtigung und Anspruch auf staatlichen Schutz. Wir rufen zur Besonnenheit auf und warnen vor Spaltung.“

    Besonnenheit ist jedoch schwer zu wahren, wenn man sieht, wie die Ressourcen der Nation in den Abgrund der Townships geworfen werden, während die Sicherheit derer, die dieses Land am Laufen halten, sträflich vernachlässigt wird. Wenn Diepsloot fällt, ist das eine Tragödie. Wenn Sandton fällt, ist es das Ende von Südafrika.

    Analyse des Archivars

    Dieser Artikel der „Johannesburg Gazette“ ist ein Paradebeispiel für die soziale Fragmentierung während der Phase 1. Anstatt die medizinische Gefahr des Thanatomorphus zu erkennen, wurde das Problem durch die Linse von Klasse und Rasse betrachtet. Die Arroganz der „Steuerzahler“, die glaubten, Mauern könnten ein Virus aufhalten, führte dazu, dass die Evakuierung der Stadtgebiete viel zu spät eingeleitet wurde. Diepsloot war nicht der Aufstand, vor dem sie sich fürchteten – es war das Grab, das sie alle erwartete.

    Beim nächsten Beitrag handelt es sich um den Auszug der Funkprotokolle der HMS Daring. Sie haben die Kommunikation zwischen Jean-Luc Moreau einem Kommissar der Europäischen Union und Admiral Thomas Miller, dem damaligen Kommandanten der HMS Daring.

    Jersey, Großbritannien

    Ein Kriegsschiff im Sturm, das eine Rakete startet, während Wellen um das Schiff toben.

    DOKUMENT 2.3: FUNKPROTOKOLL – SEKTOR KANALINSELN

    Datum: ? Jahr 0

    Zeit: 14:32 Uhr UTC

    Station Alpha: HMS DARING (Zerstörer der Type 45, Royal Navy)

    Station Beta: CHARLIE-QUEBEC 01 (Eurocopter AS332, Kennung: République Française)

    Einstufung: GEHEIM (Archiv New Britain)

    HMS Daring: Unbekannter Hubschrauber auf Kurs 320, Position 15 Meilen südlich von Jersey. Hier spricht HMS Daring. Sie dringen in eine militärische Sperrzone ein. Drehen Sie sofort ab auf Kurs Süd.

    CQ-01 (Pilot): HMS Daring, hier Charlie-Quebec 01. Wir führen einen diplomatischen Sonderflug durch. An Bord befindet sich EU-Kommissar Jean-Luc Moreau. Wir erbitten sofortige Landeerlaubnis auf dem Flughafen Jersey zur Evakuierung von Kulturgütern und Personal.

    HMS Daring: Charlie-Quebec 01, negativ. Gemäß dem königlichen Dekret vom 22. Juli ist der gesamte Luftraum über den Kanalinseln für nicht-britische Flugkörper gesperrt. Das Territorium wird zur exklusiven Evakuierung britischer Staatsbürger befestigt. Drehen Sie ab, oder Sie werden abgefangen.

    CQ-01 (Kommissar Moreau übernimmt den Funk): Hören Sie mich gut, Kapitän? Hier spricht Kommissar Moreau. Ich genieße volle diplomatische Immunität nach der Wiener Konvention. An Bord befinden sich unschätzbare Werke der europäischen Geschichte. Sie haben nicht das Recht, mich aufzuhalten. Öffnen Sie den Luftraum!

    HMS Daring: Monsieur Moreau, hier spricht Captain Miller. Meine Befehle stammen direkt vom Oberbefehlshaber der Streitkräfte, Seiner Majestät dem König. Es gibt keine Ausnahmen für Diplomaten. Die Inseln sind überfüllt und unterliegen dem Kriegsrecht.

    CQ-01 (Moreau): (Stimme wird lauter, höhnisch) Ihre Majestät? Machen Sie sich nicht lächerlich! Großbritannien mag die Union verlassen haben, aber Sie sind immer noch wirtschaftlich an uns gebunden. Wenn Sie mir den Durchflug verweigern, werde ich dafür sorgen, dass Ihr Königreich nach dieser Krise komplett isoliert wird. Ich unterhalte mich nicht mit einem Lakaien in Uniform. Verbinden Sie mich mit einem gewählten Regierungsvertreter! Ihr König wurde nicht gewählt, er hat keine demokratische Legitimation, mir – einem Vertreter der europäischen Institutionen – Befehle zu erteilen!

    HMS Daring: (Ruhig) Monsieur, es gibt keine zivile Regierung mehr, die Ihren Anruf entgegennimmt. In zehn Meilen erreichen Sie britisches Hoheitsgebiet. Wir sind angewiesen, den Luftraum mit allen Mitteln, einschließlich Luftabwehrraketen des Typs Sea Viper, gegen unbefugte Eindringlinge zu verteidigen. Dies ist keine Verhandlung. Dies ist eine Warnung.

    CQ-01 (Moreau): (Schreit) Leere Phrasen! Sie wagen es nicht, auf einen EU-Kommissar zu feuern! Diese antiquierte Monarchie ist am Ende, und Sie klammern sich an Protokolle aus dem Mittelalter, während die Welt brennt. Sie sind ein Relikt, Kapitän! Jersey gehört der Menschheit, nicht einer Krone, die…

    HMS Daring: Monsieur, genug. Dies war Ihre letzte Warnung. Ich stelle den Funkverkehr jetzt ein. Drehen Sie ab oder tragen Sie die Konsequenzen. Ende.

    CQ-01 (Moreau): …Sie und Ihr kleiner König werden vor einem Tribunal landen! Die Welt braucht keine Könige mehr, wir brauchen Vernunft und…

    CQ-01 (Pilot): (Übersteuert, panisch) Monsieur, halten Sie den Mund! Radar-Lock! Wir haben ein Aufschaltsignal! HMS Daring, wir drehen ab! Wir drehen a— SCHEISSE! FLARE! FLARE! RAKETE IM ANFLUG! SIE HABEN GEFEUERT! GOTT, SIE HABEN WIRKLICH—

    (Statisches Rauschen, ein heftiges Knallen, dann Funkstille)

    HMS Daring: Radarziel vernichtet. Position 12 Meilen südlich Jersey. Keine Überlebenden wahrscheinlich. Vermerken: Verletzung des königlichen Luftraums unterbunden. Zurück zu Routinepatrouille.

    Analyse des Archivars

    Der Abschuss von Kommissar Moreau über dem Ärmelkanal markiert das Ende der politischen Diplomatie des 21. Jahrhunderts. Während Moreau über demokratische Legitimation stritt, hatten die Streitkräfte der Nationalstaaten bereits zur archaischen Logik des Territoriums zurückgefunden. Die Kunstwerke an Bord – darunter drei Originale von Rubens – versanken im Meer. Es war das erste Mal, dass eine „zivilisierte“ Nation eine Rakete auf einen Verbündeten feuerte, nur um eine Quarantänezone zu halten.

    Den heutigen Abschluss bildet die Nachricht einer bulgarischen Krankenschwester an eine krankheitsbedingt freigestellte Kollegin und scheinbar auch gute Freundin. Die Nachricht wurde über einen zu dieser Zeit recht beliebten Messenger Dienst versandt. Ich stieß darauf, als ich herrenlose Mobiltelefone, die an Bord eines Flüchtlingsschiffes gefunden wurden auswertete. Sie stammt aus der frühen Phase auf dem Kontinent.

    Bulgarien

    Eine Krankenschwester spricht mit einer Patientin im Krankenzimmer. Die Patientin liegt im Bett, während die Schwester sich um sie kümmert.

    Dokument 1.7: WhatsApp-Verlauf (Extrakt)

    Absender: Elena T. (Krankenschwester, Universitätsklinikum Sofia)

    Empfänger: Mila K. (Kollegin, krankgeschrieben)

    Datum: 05. August, Jahr 0

    Zeit: 21:12 Uhr

    Elena:

    Mila, bist du wach? Ich hab versucht dich anzurufen, aber es geht nur die Mailbox ran. Ich hoffe, das Fieber ist gesunken… 🤒

    Du glaubst nicht, was heute in der Klinik los war. Es war der reinste Wahnsinn, ein einziger Albtraum. Ich sitze gerade im Zug nach Hause. Er ist fast komplett leer, obwohl es erst kurz nach neun ist. Es ist so verdammt still in der Stadt, es fühlt sich falsch an.

    Mila, ich glaube, sie haben die Kontrolle völlig verloren. Den ganzen Tag mussten wir impfen, die Schlange stand bis draußen auf die Straße. Die Leute haben geschrien und Panik gehabt wegen der Nachrichten aus der Türkei. 💉

    Zuerst hat mir Dr. Ivanov dieses Breitband-Vakzin gegeben, das wir letzte Woche bekommen haben. Aber nach drei Stunden war die letzte Ampulle weg. Als ich ihn nach Nachschub fragte, hat er mir einen Karton mit Masern-Impfstoff in die Hand gedrückt! 😮 Ich dachte, er hat sich vergriffen, aber er hat mich nur angesehen und gesagt: „Das geht genauso gut, Elena. Spritzen Sie einfach weiter.“

    Es wurde noch schlimmer. Als die Masern-Spritzen leer waren, gab er mir Ampullen mit irgendeinem Blutdrucksenker. Ich hab ihn gefragt: „Doktor, das ist kein Impfstoff, was machen wir hier?“ Und er hat mich nur angeherrscht: „Wer von uns ist hier der Arzt? Tun Sie, was ich sage!“

    Und dann der totale Absturz… Gegen Abend war gar nichts mehr da. Nichts. Er hat mir eiskalt befohlen, die benutzten Ampullen unauffällig mit Kochsalzlösung zu füllen und sie den Leuten zu spritzen! 😱 Ich meinte zu ihm, das sei gegen jede Hygienevorschrift, und was das überhaupt bringen soll?

    Mila, er sah so alt aus. Er meinte nur ganz leise und müde: „Es ist jetzt eh schon egal, Elena. Hauptsache, die Leute sind beruhigt, wenn sie nach Hause gehen. Vielleicht wirkt das Salzwasser ja sogar durch ein Wunder…“ – aber sein Gesicht hat gesagt, dass er selbst nicht mehr an Wunder glaubt.

    Bevor ich aus seinem Büro gegangen bin, hab ich gesehen, wie er sich ein Glas randvoll mit Wodka eingeschenkt hat. Du weißt doch, Ivanov hat in den zehn Jahren, die wir da sind, nie einen Tropfen angerührt! Er war immer der Korrekteste von allen.

    Ich habe Angst. Wenn selbst Ivanov anfängt zu trinken und Kochsalz als Impfung verkauft, dann kommt da etwas auf uns zu, gegen das keine Medizin der Welt hilft.

    Bitte melde dich, wenn du das liest. Ich fühle mich, als wäre ich die Einzige, die noch bei Verstand ist in diesem leeren Zug. 🏚️🚋

    Analyse des Archivars

    Elena T.s Nachricht dokumentiert das „Placebo-Stadium“ der Krise. In Sofia, wie in vielen anderen Metropolen, versuchten die Behörden durch vorgetäuschte medizinische Kompetenz Zeit zu kaufen, während die Lagerhäuser für echte Impfstoffe längst leer waren. Dr. Ivanovs Rückfall in den Alkoholismus war ein Symptom der kollektiven Kapitulation der medizinischen Elite.

  • Ein Bericht aus Vietnam

    Den vermutlich ersten Fall aus Vietnam, den Bericht eines US-amerikanischen Pathologen, eine Aufzeichnung des isländischen Anwerbungsfunkes und die Heimatsuche eines indischen Zerstörers.

    Vietnam

    Bei diesem Dokument handelt es sich um die Telekommunikation zwischen einem französischen Medizinstudenten und seinem Professor. Der Datensatz stammt aus der Frühphase der Pandemie und gilt heute als einer der ersten bestätigten Fälle des Reanimationssyndroms.

    Ein verlassener und verwahrloster Krankenhausraum mit mehreren leeren Betten, die mit dreckigen Laken bedeckt sind. Die Wände sind beschädigt und die Fenster sind schmutzig, mit schwachem Licht, das durch die Ritzen scheint.

    Transkript: Audio-Log 04-06-00-VN

    Datum: 04. Juni, Jahr 0

    Zeit: 21:42 Uhr Ortszeit

    Teilnehmer: * Dr. Marc-André Beaumont (Feldstation Mường Lống)

    Professor Dr. Nguyen Van Thiep (Hanoi Medical University)

    (Rauschen in der Leitung, das Klicken einer instabilen Verbindung)

    Prof. Thiep: Beaumont? Sind Sie das? Ich habe kaum Empfang. Was gibt es so Dringendes, dass Sie mich auf meinem privaten Anschluss stören?

    Dr. Beaumont: Herr Professor, Verzeihung für die späte Stunde. Ich… ich musste Sie anrufen. Die Lage hier in Mường Lống ist… sie ist bizarr. Ich habe die Patienten gesichtet. Es sind etwa ein Dutzend in der ersten Hütte.

    Prof. Thiep: (seufzt hörbar) Ein Dutzend? Also doch ein lokaler Infektionsherd. Haben Sie die Stuhlproben für den Cholera-Schnelltest vorbereitet?

    Dr. Beaumont: Das ist es ja, Monsieur. Ich konnte bisher nur drei Patienten oberflächlich untersuchen. Sie sind unmittelbar nach meiner Ankunft in einen Zustand gefallen, der wie ein tiefes Koma wirkt. Die anderen… nun, ich vermute, sie sind bereits verstorben. Sie liegen völlig reglos da. Aber ich muss mir das morgen bei Tageslicht genauer ansehen, die Lichtverhältnisse hier sind katastrophal.

    Prof. Thiep: Sie „vermuten“, sie seien verstorben? Beaumont, Sie sind im letzten Jahr Ihres Internships. Ein Blick auf die Pupillenreaktion, das Tasten nach dem Karotispuls – das dauert zehn Sekunden. Warum diese vagen Formulierungen?

    Dr. Beaumont: Es ist schwer zu erklären. Die Umgebung deutet massiv auf Cholera hin. Überall ist blutiger Kot, der Geruch ist unerträglich. Aber das klinische Bild der drei Lebenden passt nicht. Sie krampften heftig, wie bei einer Tetanus-Infektion, waren aber völlig weggetreten. Keine Reaktion auf Schmerzreize. Und dann dieser schlagartige Übergang ins Koma… Ich hatte gehofft, Sie hätten vielleicht von einem ähnlichen Neurotoxin gehört, das…

    Prof. Thiep: (fällt ihm ins Wort) Beaumont, hören Sie sich eigentlich selbst zu? Sie faseln von Cholera-Symptomen, Tetanus-Krämpfen und komatösen Zuständen, alles zur gleichen Zeit. Das verstößt gegen jede pathologische Logik. Hat man Ihnen in Paris nicht beigebracht, wie man eine strukturierte Anamnese durchführt?

    Dr. Beaumont: Doch, natürlich, aber die Patienten sind nicht ansprechbar! Ich… ich werde in ein paar Stunden mit den Obduktionen der Verstorbenen beginnen. Ich warte nur noch ab, bis die Totenstarre vollständig eingetreten ist, um einen festen Referenzpunkt für den Todeszeitpunkt zu haben.

    Prof. Thiep: (lacht trocken und schneidend) Sie wollen die Rigor Mortis abwarten? Beaumont, ich beginne mich ernsthaft zu fragen, ob Sie die Zulassung zur Universität durch eine Lotterie gewonnen haben. Die Totenstarre ist ein biochemischer Prozess der ATP-Verarmung, kein verdammter Timer für Ihre Bequemlichkeit! Wissen Sie, was ich glaube? Ich glaube, die Hitze in den Bergen vernebelt Ihnen den Verstand. Sie schildern mir hier medizinischen Unfug.

    Dr. Beaumont: Professor, ich versichere Ihnen, die Temperatur der Körper ist… sie ist instabil. Ich wollte nur Ihren Rat, wie ich bei dieser Kombination von Symptomen…

    Prof. Thiep: Mein Rat? Mein Rat ist: Schlagen Sie Ihre Lehrbücher auf. Kapitel eins: Grundlagen der Diagnostik. Wenn Sie aufhören, Gespenster zu sehen und anfangen, wie ein Arzt zu arbeiten, können Sie mich wieder kontaktieren. Melden Sie sich erst wieder, wenn Sie einen fundierten, medizinisch belastbaren Bericht vorlegen können, der nicht wie das Drehbuch eines schlechten Horrorfilms klingt. Gute Nacht, Beaumont.

    Kurz danach zwang eine Lageänderung den jungen Arzt dazu, seinen Professor per SMS zu informieren, SMS deshalb, weil er keine erneute Kopfwäsche riskieren wollte.

    „Monsieur le Professeur, Update zu Mường Lống: Statusänderung bei den verbliebenen 14 Probanden. Bei 11 Patienten trat um ca. 00:45 Uhr der klinische Tod ein (Atemstillstand, keine kardiale Aktivität). Die drei verbleibenden Patienten befinden sich in einem persistierenden tiefen Koma (GCS 3).

    Seltsames Vorkommnis: Zwei lokale Hilfskräfte sind unangekündigt vom Posten in der Lazaretthütte verschwunden. Ich vermute Erschöpfung oder religiöse Vorbehalte. Werde nun postmortale Untersuchungen an den 11 Verstorbenen einleiten, sobald der improvisierte Sektionsplatz vorbereitet ist. Werde die Körpertemperatur-Kurven dokumentieren, da die Abkühlung unnatürlich langsam verläuft. Melde mich nach dem ersten Schnitt mit harten Fakten. Beaumont.“

    Kurze Zeit später sprang der Arzt dann über seinen Schatten und kontaktierte seinen Professor erneut per Telefon, seine restlichen Patienten waren ebenfalls verschwunden.

    Transkript: Audio-Log 05-06-00-VN

    Datum: 05. Juni, Jahr 0

    Zeit: 03:12 Uhr Ortszeit

    Teilnehmer:

    Dr. Marc-André Beaumont (Mường Lống)

    Prof. Dr. Nguyen Van Thiep (Hanoi)

    (Das Klingeln dauert lange, bevor abgehoben wird. Im Hintergrund ist das Zischen von Regen oder atmosphärischen Störungen zu hören.)

    Prof. Thiep: (Stimme ist heiser und vor Zorn bebend) Beaumont. Wenn dieses Telefonat nicht damit beginnt, dass Sie mir Ihren sofortigen Rücktritt und Ihre Abreise aus Vietnam erklären, werde ich persönlich dafür sorgen, dass Sie nie wieder ein Stethoskop in die Hand nehmen. Wissen Sie, wie spät es ist?

    Dr. Beaumont: (Stimme zittert, man hört schnelles Atmen) Professor, bitte… hören Sie mir zu. Es ist alles anders. Ich habe Ihnen die SMS geschickt, dass Patienten gestorben sind, aber jetzt… sie sind weg.

    Prof. Thiep: (schreit fast) Was heißt „weg“? Beaumont, ein Leichnam hat keine Beine! Haben Sie die Toten nicht gesichert? Ich sagte Ihnen, Sie sollen klinisch arbeiten, nicht wie ein Totengräber im Mittelalter!

    Dr. Beaumont: Ich habe sie in der Hütte gelassen, um den Obduktionsraum vorzubereiten! Als ich zurückkam, waren elf der Patienten verschwunden. Und nicht nur sie – auch zwei Dorfbewohner, die dort reinigen sollten. Und jetzt, vor fünf Minuten… auch die letzten drei. Die Hütte ist leer, Monsieur. Komplett leer.

    Prof. Thiep: (eine lange Pause, dann ein hämisches Lachen) Oh, ich verstehe. Sie haben sich in den Bergen von ein paar Hmong-Bauern überrumpeln lassen. Wahrscheinlich haben sie ihre Toten gestohlen, um sie nach ihren absurden Riten zu begraben, bevor die „Regierung“ sie aufschneidet. Und Sie, Beaumont, waren zu inkompetent, um die Tür zu bewachen.

    Dr. Beaumont: Nein! Der Ortsvorsteher, Vàng A Phù, er schwört, dass niemand das Dorf verlassen hat. Ich habe gefragt, ob Fremde hier waren, Schmuggler, irgendwer. Nichts. Seit Wochen nichts. Professor, wie können vierzehn kranke Menschen und zwei gesunde Männer spurlos verschwinden? Ohne Geräusch? Ohne dass sie jemand auf dem einzigen Pfad gesehen hat?

    Prof. Thiep: Beaumont, hören Sie auf, mich mit Ihren Schauergeschichten zu belästigen! Was wollen Sie von mir? Dass ich Geisterjäger schicke? Sie haben versagt. Sie haben die Kontrolle über Ihre Patienten und über Ihre Beweismittel verloren. Sie schildern mir ein Szenario, das medizinisch unmöglich ist. Menschen im tiefen Koma stehen nicht auf und verschwinden im Dschungel.

    Dr. Beaumont: Ich sage ja nicht, dass sie gegangen sind! Ich sage, sie sind weg! Die Betten sind leer, Monsieur. Keine Schleifspuren, kein Kampf. Nur dieser verdammte Geruch nach Cholera und… und etwas Süßlichem. Ich habe Angst, Professor. Hier stimmt etwas nicht mit der Biologie.

    Prof. Thiep: (eiskalt) Die einzige Biologie, mit der hier etwas nicht stimmt, ist Ihr neuronales System. Sie haben Halluzinationen oder Sie sind schlichtweg ein Feigling, der eine Ausrede sucht, weil er die Toten verloren hat. Ich werde morgen früh die Distanzverwaltung kontaktieren. Wir werden jemanden schicken, der Sie ablöst – und der wahrscheinlich die Leichen in einem nahegelegenen Waldstück findet, wo sie von Ihren „unschuldigen“ Dorfbewohnern verscharrt wurden.

    Dr. Beaumont: Professor, schicken Sie keine Einzelpersonen. Schicken Sie das Militär. Bitte.

    Prof. Thiep: (lacht trocken) Das Militär? Wegen ein paar verschwundener Leichen in einem Bergdorf? Beaumont, Sie sind erledigt. Gehen Sie schlafen. Wenn ich Sie morgen noch einmal höre, bevor mein Kaffee auf dem Tisch steht, werde ich dafür sorgen, dass Ihre Karriere endet, bevor der erste Obduktionsschnitt gesetzt ist. Legen Sie jetzt auf.

    USA

    Ein nachdenklicher Arzt in einem weißen Kittel steht neben einem leblosen Körper auf einem Untersuchungstisch, umgeben von medizinischen Geräten und Instrumenten.

    Datum: 12. Oktober, Jahr 0 Pathologe: Dr. Steven J. Miller Leiche: Weiblich, ca. 20 Jahre, Identität unbekannt (Jane Doe #14)

    1. Hergang (Laut Polizeibericht)

    Die Verstorbene wurde von Beamten des PPD gestellt, nachdem sie mehrere Passanten in einem Park angegriffen hatte. Laut Aussage der Beamten zeigte das Subjekt eine „unnatürliche Schmerzresistenz“. Es wurden insgesamt 15 Schüsse abgegeben. Das Subjekt setzte den Angriff trotz schwerster Treffer in Torso und Extremitäten fort. Erst ein gezielter Schuss in die kraniale Region (Kopfschuss) stoppte die Vorwärtsbewegung unmittelbar.

    2. Äußere Untersuchung

    Der Körper weist 14 Eintrittswunden durch Projektile vom Kaliber 9mm auf, verteilt auf Brustkorb, Abdomen und beide Beine. Besonders auffällig ist die massive Traumatisierung des linken Fußes: Es finden sich multiple, tiefe Bisswunden menschlichen Ursprungs. Die Achillessehne ist vollständig durchtrennt, mehrere Mittelfußknochen sind zertrümmert.

    Anomalie I: Es ist medizinisch absolut unerklärlich, wie das Subjekt mit diesen Verletzungen – insbesondere der zerstörten Sehnenstruktur am Fuß – eine rennende oder auch nur aufrechte Bewegung hätte ausführen können.

    3. Postmortaler Zustand (Die zentrale Diskrepanz)

    Während der Untersuchung stieß ich auf einen Befund, der mich an meiner eigenen Kompetenz zweifeln lässt:

    Livores (Totenflecken): Es finden sich ausgeprägte, lagefixierte Totenflecken am Rücken und an den Rückseiten der Oberschenkel.

    Rigor Mortis (Totenstarre): Der Kiefer und die Nackenmuskulatur zeigen eine Starre, die typischerweise erst 24 bis 48 Stunden nach dem Tod eintritt.

    Gewebszustand: Die Körpertemperatur liegt bei 22 °C (Umgebungstemperatur). Es gibt beginnende Anzeichen von Autolyse in den inneren Organen.

    Anomalie II: Nach allen Regeln der forensischen Pathologie war diese Frau bereits seit mindestens zwei Tagen tot, als die Polizisten auf sie schossen. Es gab jedoch keinen nennenswerten Blutaustritt aus den 14 Körpertreffern – was darauf hindeutet, dass das Herz zum Zeitpunkt der Schussabgabe nicht mehr schlug.

    4. Interner Befund

    Bei der Eröffnung des Schädels zeigte sich das Gehirn in einem Zustand, den ich so noch nie gesehen habe. Die graue Substanz ist von einer bläulichen, fast kristallinen Schicht überzogen. Trotz des massiven Projektiltraumas (Einschuss parietal rechts) wirkt das verbliebene Nervengewebe nicht wie bei einer Verwesung zerflossen, sondern seltsam „strukturiert“, als wäre es von feinen, metallisch glänzenden Fasern durchzogen.

    Zusammenfassung des Pathologen

    Ich bin ratlos. Wenn ich diesen Bericht so unterschreibe, behaupte ich effektiv, dass eine Leiche im fortgeschrittenen Stadium der Verwesung über eine Distanz von 50 Metern auf Polizeibeamte zugestürmt ist, während sie Schüsse ignorierte, die jeden lebenden Menschen sofort hätten kollabieren lassen.

    Die Bisswunden am Fuß weisen Spuren von Speichel auf, der eine mir unbekannte, zähflüssige Konsistenz hat. Ich habe Proben an das CDC geschickt, aber bisher keine Antwort erhalten. In der Leichenhalle herrscht heute eine seltsame Unruhe; zwei Assistenten haben sich krankgemeldet, weil sie über Übelkeit und „Rauschen in den Ohren“ klagen.

    Ich werde die Leiche vorerst in Kühlkammer 4 belassen, obwohl ich das unbestimmte Gefühl habe, dass die Riemen am Seziertisch nicht fest genug angezogen waren.

    Gezeichnet, Dr. Steven J. Miller Forensischer Pathologe

    Nur wenige Stunden später wurde die Gesundheitseinrichtung, in der die Obduktion stattfand von den Behörden weiträumig abgeriegelt.

    Island

    Archiv-Nr.: ISL-07-JUL-002 Typ: Funktranskript (verschlüsseltes VHF/Militärfrequenz) Datum: 12. Juli, Jahr 0 Beteiligte: Isländisches Krisenzentrum (Reykjavík) / Rufzeichen „VALKYRIE“; US Air Force Staffel „RAPTOR“ (6x F-15 Eagle)

    (Automatisierte Endlosschleife – Isländische Regierung – Deutsch/Englisch/Russisch/Französisch): „…Dies ist eine offizielle Bekanntmachung der Republik Island. An alle versprengten militärischen Einheiten auf See, zu Lande oder in der Luft: Island bietet Schutz. Jeder Soldat, jede Besatzung, die sich unter das Kommando der isländischen Verteidigungskräfte stellt, erhält mit sofortiger Wirkung die isländische Staatsbürgerschaft, volle Immunität gegenüber Befehlen ihrer Heimatländer sowie lebenslanges Bleiberecht und Versorgung für sich und ihre engsten Angehörigen. Island wird zur Festung der Lebenden. Schützen Sie uns, und wir schützen Sie. Antworten Sie auf dieser Frequenz… [Wiederholung auf Russisch]…“

    Raptor Leader: „Valkyrie, hier Raptor 01. Hören Sie mich? Ich wiederhole: Hier Raptor Leader, US Air Force, Staffel von sechs F-15. Wir befinden uns 300 Meilen südwestlich von Keflavík.“

    Valkyrie: „Raptor 01, hier Valkyrie. Wir hören Sie laut und deutlich. Bestätigen Sie Ihre Absicht. Haben Sie unser Angebot gehört?“

    Raptor Leader: „Wir haben es gehört… aber wir sind auf Rückkehrbefehl. Eigentlich. Wir sollten uns mit einem Tanker bei Point Alpha treffen, aber der Vogel ist nicht aufgetaucht. Wir fliegen auf den letzten Reserven. Wir haben den Kontakt zum Strategic Command verloren. Bevor wir über irgendwelche… Staatsbürgerschaften reden… Valkyrie, verdammt, sagen Sie uns, was zu Hause los ist. Wir kriegen keine Verbindung nach Ramstein oder direkt in die Staaten.“

    Valkyrie: „Raptor 01… die Informationen sind fragmentarisch, aber konsistent. Washington D.C., New York und Chicago wurden als ‚verloren‘ markiert. Das Kommunikationsnetz an der Ostküste ist zu 80 % ausgefallen. Die Ausbreitungsrate der furiens-Variante in den Ballungsräumen hat jede staatliche Reaktion überholt.“

    Raptor 02 (über Funk hörbar): „Das kann nicht sein… was ist mit Ohio? Hat jemand was aus Columbus gehört?“

    Valkyrie: „Raptor 02, es gibt keine gesicherten Daten mehr aus dem Mittleren Westen. Aber ich muss Ihnen etwas mitteilen, das wir von einem anderen… neuen Verbündeten haben. Wir haben hier den Kommandanten eines russischen Akula-Klasse U-Boots, das vor zwei Tagen bei uns festgemacht hat. Laut seinen abgefangenen Satellitendaten haben die USA vor drei Stunden das Protokoll ‚Broken Arrow‘ über dem eigenen Territorium ausgeweitet. Er behauptet, es gab nukleare Detonationen über zwei eigenen Großstädten, um die Ausbreitung zu stoppen.“

    (Stille im Funkverkehr für 10 Sekunden)

    Raptor Leader: „Atomwaffen? Gegen das eigene Volk? Sind Sie sicher, Valkyrie? Wenn das eine verdammte russische Ente ist…“

    Valkyrie: „Wir können es nicht unabhängig bestätigen, Raptor Leader. Aber der Kontakt zu den entsprechenden Kommandostellen ist zeitgleich abgerissen. Wir haben keinen Grund, dem Russen nicht zu glauben – er hat seine Raketen uns übergeben. Wir bieten Ihnen eine Zukunft. Die USA, wie Sie sie kannten, existieren diesen Nachmittag vielleicht nicht mehr. Island schon. Wir brauchen Ihre Augen am Himmel.“

    Raptor Leader: „Valkyrie… halten Sie die Leitung offen. Wir müssen uns kurz intern beraten. Ende.“

    (Pause von 45 Sekunden – Rauschen der Atmosphäre)

    Raptor Leader: „Valkyrie, hier Raptor 01. Ich spreche für alle sechs Piloten. Wir haben keine Heimat mehr, in die wir zurückkehren können, und keinen Sprit für den Ozean. Wir nehmen das Angebot an. Wir unterstellen uns dem isländischen Kommando. Geben Sie uns Vektoren für die Landung. Wo wollen Sie uns haben?“

    Valkyrie: „Verstanden, Raptor Leader. Willkommen in Island. Drehen Sie auf Kurs 020. Landen Sie auf dem Flughafen Keflavík. Wir räumen die Piste für Sie frei. Bodenteams für Betankung und Quarantäne-Check stehen bereit. Und Raptor… danke, dass Sie sich für das Leben entschieden haben.“

    Raptor Leader: „Wir landen nur, Valkyrie. Ob wir noch leben, entscheiden wir, wenn wir Boden unter den Füßen haben. Raptor-Staffel Ende.“

    Indischer Zerstörer INS Chennai

    Historisches schwarz-weiß Bild eines Kriegsschiffs, das durch unruhige Gewässer fährt, umgeben von dramatischen Wolken.

    Dieses Dokument ist ein zentrales Zeugnis für die Entstehung des „Insel-Empires“. Es zeigt den Moment, in dem aus einer nationalen Katastrophe eine neue, übernationale Allianz unter der Flagge von New Britain wurde.

    Archiv-Nr.: IND-DEST Quelle: Geborgenes Digital-Logbuch der INS Chennai (Zerstörer der Kolkata-Klasse) Zeitraum: Jahr 0

    Position: Golf von Aden Status: Funkstille (Einsatzstufe Blau). Auftrag: Anti-Piraterie-Patrouille. Seit 72 Stunden kein Kontakt zum Flottenkommando in Mumbai. Befehlslage bleibt „Aufrechterhaltung der Präsenz“. Die Männer sind unruhig. Die Kurzwellenempfänger fangen nur atmosphärisches Rauschen und wirre Notrufe in Swahili auf.

    – Erster Kontakt Haben um 04:00 Uhr ein überladenes Boot (Typ: Dhow) aufgebracht. Verdacht auf Piraterie. Nach dem Boarding bot sich ein Bild des Grauens. Keine Waffen. 80 Zivilisten, viele schwer traumatisiert. Ein ehemaliger UN-Mitarbeiter unter ihnen schrie uns an, wir sollten sie nicht anfassen. Er sprach von der „Rückkehr der Toten“ in Mogadischu. Wir hielten es für eine Massenpsychose – bis einer der Verletzten in der Arrestzelle starb und zehn Minuten später versuchte, dem Wachhabenden die Kehle durchzureißen. Wir mussten ihn eliminieren. Schuss in den Kopf war das einzige, was half. Kursänderung: Süd-Südost. Wir müssen nach Hause.

    Vor der Küste Südafrikas Die Küstenlinie ist nachts ein einziges Flammenmeer. Haben den Bordhelikopter (HAL Dhruv) zur Aufklärung Richtung Durban geschickt. Bericht der Piloten: „Keine Anzeichen von staatlicher Ordnung. Die Autobahnen sind mit Autowracks verstopft. Wir sahen Tausende… Kreaturen. Sie bewegen sich wie eine Lawine durch die Vorstädte. Keine Gegenwehr durch Polizei oder Militär erkennbar.“ Der Kapitän hat entschieden: Wir halten uns fern vom Land. Wir versuchen weiterhin Indien zu erreichen.

    Der letzte Funkspruch aus Indien Kontakt zu Admiral V. Singh (Vizechef des Marinestabs) über eine gesicherte Notfrequenz hergestellt. Transkript: „Chennai, hören Sie gut zu. Es gibt kein ‚Zuhause‘ mehr. Mumbai ist gefallen, Delhi ist eine Todeszone. Die var. indolens hat uns von innen heraus zerfressen. Ich entbinde Sie von Ihrem Eid gegenüber der Republik Indien. Retten Sie Ihre Besatzung. Schließen Sie sich an, wem Sie wollen, oder suchen Sie sich eine einsame Insel. Dies ist mein letzter Befehl. Jai Hind.“

    Die Agonie Europas Wir haben das Kap der Guten Hoffnung umrundet und den Atlantik nach Norden gequert. Spanien: Häfen von Algeciras und Cádiz stehen in Flammen. Keine Antwort auf Funksprüche, nur automatisierte Warnungen vor „infizierten Zonen“. Frankreich (Brest Radio): „Fahren Sie weiter, indisches Schiff. Wir können unsere eigenen Bürger nicht mehr schützen. Marseille ist verloren, Paris schweigt. Wir haben keine Vorräte für Sie.“ Deutschland: Ein Funker aus Wilhelmshaven antwortet verzweifelt. Sie halten noch einen Pier, aber die Verteidigungslinien in der Stadt brechen gerade zusammen.

    Vor dem Ärmelkanal Kontakt mit der britischen Admiralität (HMS Queen Elizabeth): „Hier spricht die Royal Navy. An den indischen Zerstörer: Laufen Sie keinen britischen Hafen an. London ist evakuiert. Die Insel steht kurz vor dem Fall.

    Die Entscheidung Kapitän und Stabskonferenz in der Offiziersmesse. Wir haben noch Treibstoff für 4.000 Meilen und 200 Flüchtlinge an Bord. Beschluss: Wir bitten um Eingliederung in den britischen Verband. Funkspruch an HMS Queen Elizabeth: „Hier INS Chennai. Wir sind ein voll einsatzfähiger Zerstörer der Kolkata-Klasse. Wir haben indische Soldaten und Zivilisten an Bord. Wir weigern uns, dieses Schiff aufzugeben. Wir bieten unsere Kanonen und unsere Treue dem Verband an, Erlauben Sie uns, die Flanke Ihres Thronfolgers zu decken?“

    Antwort der Briten „INS Chennai, hier Admiralität. Wir akzeptieren Ihr Angebot. Nehmen Sie Position in der äußeren Verteidigungsperipherie des Trägerverbands ein. Willkommen in der Flotte. Wir setzen Kurs auf den Südpazifik. Unser Ziel ist Pitcairn.“

    Ankunft in New Britain Wir haben den Anker vor Adamstown geworfen. Die INS Chennai wird nun fest mit dem zivilen Frachtschiff-Verbund verkoppelt, um als schwimmende Verteidigungsplattform für die neue Hauptstadt zu dienen.

  • Sondereinsatzkräfte und die Wahrheit hinter dem Hospitalnotfall

    Schönen Guten Morgen. Ich freue mich, dass Sie auch heute wieder dabei sind. Ich bin gerade damit beschäftigt, einige Dokumente aus der Frühphase in Frankreich einzusortieren, sowie einen Tagesbefehl der südafrikanischen Streitkräfte. Aber, von Anfang an. Die Dokumente aus Frankreich drehen sich rund um einen Polizeieinsatz in und um ein Krankenhaus in Straßburg.

    Frankreich

    Ein schwer bewaffneter Soldat in einer Gasmaske schreitet durch eine rauchige Umgebung, während andere Soldaten im Hintergrund zu sehen sind.

    Zur Erklärung. Das Hôpital de Hautepierre in Strassburg war seinerzeit eine der größten Kliniken Frankreichs, hier hielten sich im Durchschnitt etwa 8000 Menschen auf, Anfang September 0 tauchte der Erreger zum ersten mal hier auf. Zu der Zeit wusste man im Hintergrund bereits Bescheid, womit genau man es zu tun hatte, verschwieg der Bevölkerung aber die Wahrheit, obwohl nicht nur ein Gerücht unterwegs war. Beginen wir mit der Aufarbeitung.

    Gedächtnisprotokoll: Notruf Hôpital de Hautepierre

    Datum: 02. September Zeit: 09:14 Uhr Teilnehmer: Prof. Dr. Meyer (Klinikdirektor), Leitstelle der Police Nationale

    Polizei: Police Nationale Straßburg, Notruf. Was ist ihr Notfall?

    Prof. Meyer: Hier spricht Professor Meyer, ärztlicher Direktor des Hôpital de Hautepierre. Ich fordere sofortige polizeiliche Unterstützung an. Wir haben eine Situation auf der Traumastation, Schockraum 1. Ein Patient ist völlig außer Kontrolle geraten.

    Polizei: Ein Randalierer? Ist der Sicherheitsdienst vor Ort?

    Prof. Meyer: (Stimme zittert leicht) Nein, Sie verstehen nicht. Der Patient war klinisch tot. Er wurde nach der Reanimation… er ist regelrecht erwacht und hat das Team angegriffen. Er hat mehrere Pfleger schwer verletzt und hält jetzt einen Assistenzarzt im verriegelten Raum fest. Wir brauchen das SEK – oder jemanden, der bewaffnet ist. Er ist… er ist wie von Sinnen. Er reagiert auf keine Ansprache.

    Polizei: Herr Professor, beruhigen Sie sich. Eine Streife ist in der Nähe, aber für ein Sondereinsatzkommando brauche ich—

    (Im Hintergrund ist das laute Knallen einer Tür zu hören. Schritte hastig auf Linoleum. Die Sekretärin, Frau Dubois, stürzt herein. Man hört ihr schweres Atmen und Schluchzen.)

    Frau Dubois: (Schreiend) Monsieur le Directeur! Sie müssen das Telefon auflegen! Sie müssen das ganze Krankenhaus abriegeln! Sofort!

    Prof. Meyer: (Hält die Sprechmuschel halb zu) Madame Dubois, ich telefoniere mit der Polizei! Was erlauben Sie sich—

    Frau Dubois: (Unterbricht ihn völlig aufgelöst) Es ist nicht nur der Schockraum! Gerade kam der Funk aus der Onkologie und der Geriatrie! In der Onkologie ist eine Patientin während der Visite aufgesprungen… sie hat der Oberschwester die Kehle… und in der Geriatrie berichten sie von Patienten, die sich gegenseitig in den Gängen… (sie bricht in Tränen aus) …da ist überall Blut, Monsieur! Die Leute rennen um ihr Leben!

    Prof. Meyer: (Stille am Telefon, sein Atem wird schneller) Onkologie auch? Das ist am ganz anderen Ende des Gebäudes…

    Polizei: (Über den Lautsprecher) Hallo? Herr Professor? Was war das gerade? Was passiert in der Onkologie?

    Prof. Meyer: (Mit eisiger, panischer Stimme ins Telefon) Hören Sie mir genau zu. Schicken Sie alles, was Sie haben. Sperren Sie die Straßburger Stadtautobahn und die Tramlinie A. Riegeln Sie das gesamte Viertel Hautepierre ab. Es ist kein Amoklauf. Es ist… Gott stehe uns bei… es verbreitet sich.

    (Im Hintergrund ertönt plötzlich der schrille Alarm der hausinternen Notfallbenachrichtigung: „Code Silber – Interner Notfall – Bereich meiden“)

    Worum es sich bei diesem Fall handelt sollte wohl klar sein, daher erspare ich ihnen an dieser Stelle großartige Erklärungen und fahre mit der Reaktion der Polizei fort.

    Lagezentrum der Police Nationale, Straßburg

    Der Beamte am Funk, Brigadier Laurent, hielt das Headset mit einer Hand fest gegen sein Ohr gepresst. Mit der anderen tippte er fieberhaft Befehle in das Einsatzsystem. „Alle verfügbaren Einheiten nach Hautepierre, Sektor Nord. Mögliche Geiselnahme, extrem gewalttätige Täter, Verdacht auf biologische Kontamination…“

    Plötzlich spürte er eine schwere Hand auf seiner Schulter. Er fuhr herum. Hinter ihm stand Kommissar Beaumont, ein Veteran mit tiefen Augenringen, dessen Gesichtsausdruck jede Farbe verloren hatte.

    „Laurent. Stopp“, sagte Beaumont leise, aber mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch duldete.

    „Monsieur, der Klinikdirektor ist noch in der Leitung, die Situation eskaliert völlig, ich muss die Einheiten direkt in die Traumastation schicken, bevor—“

    „Nein“, unterbrach ihn Beaumont. Er beugte sich vor und drückte die Taste für den Sammelruf aller Streifenwagen im Großraum Straßburg. Sein Blick klebte auf den Monitoren der Verkehrsüberwachung, die bereits die ersten Panikreaktionen vor dem Haupteingang des Hôpital de Hautepierre zeigten.

    „Hier Zentrale an alle Einheiten im Sektor Hautepierre,“ dröhnte Beaumonts Stimme durch das Funknetz. „Änderung der Einsatzbefehle. Sofortige Wirkung. Bilden Sie eine Perimetersperre in 500 Metern Umkreis um das Klinikgelände. Sperren Sie die Avenue Molière und die Zufahrten zur A351.“

    Laurent starrte seinen Chef entgeistert an. „Aber die Leute darin… wir müssen sie rausholen!“

    Beaumont ignorierte ihn und fuhr fort: „Anweisung für die Postenkette: Niemand – ich wiederhole – niemand verlässt den Bereich. Weder zu Fuß noch im Fahrzeug. Wer die Absperrung durchbrechen will, ist mit der Dienstwaffe aufzuhalten. Notfalls mit tödlicher Gewalt. Die Sicherung des Krankenhauses im Inneren erfolgt durch spezialisierte CBRN-Einheiten, die bereits im Anflug sind. Halten Sie Ihre Positionen.“

    Stille im Funkgerät. Dann das kurze Knacken der Bestätigungen von Dutzenden patrouillierenden Beamten, deren Stimmen vor Ungläubigkeit zitterten.

    Beaumont ließ die Sprechtaste los und wandte sich an Laurent. „Sie haben von den Vorfällen im Grenzgebiet gehört, Laurent? Die ‚Grippe‘ in der Quarantänestation in Kehl?“

    Laurent schluckte. „Ich dachte, das wären nur Gerüchte… Internet-Märchen.“

    „Es sind keine Märchen“, sagte Beaumont und seine Stimme klang plötzlich wie die eines Mannes, der bereits aufgegeben hatte. „Der Beamte in dem Schockraum ist erst der Anfang. Wenn diese Sache das Krankenhaus verlässt, gibt es kein Straßburg mehr. Ich übernehme das Funkpult hier. Sie gehen runter in die Waffenkammer. Nehmen Sie sich eine HK G36 und Schutzmasken. Melden Sie sich bei der Straßensperre am Boulevard de l’Europe.“

    „Aber Herr Kommissar…“

    „Das ist ein Befehl, Brigadier! Gehen Sie! Und beten Sie, dass keiner dieser… Patienten… versucht, Ihre Sperre zu überrennen.“

    Bei diesem Datensatz handelt es sich um einen sehr seltenen Augenzeugenbericht. Der Beamte hat den Ausbruch in Europa durch Zufall überlebt und bereicherte vor kurzem unser Wissen über den Ausbruch in Frankreich. wenden wir uns nun dem Einsatz durch das Sondereinsatzkommando zu.

    MINISTÈRE DES ARMÉES / DIRECTION GÉNÉRALE DE LA GENDARMERIE NATIONALE

    OPERATIONSZENTRALE SÜDWEST – SEKTOR ELSASS

    DATUM: 02. SEPTEMBER, 10:12 UHR EINSATZCODENAME: „ORPHEUS-PROTOKOLL“ EINSATZORT: AREAL HÔPITAL DE HAUTEPIERRE, STRASSBURG


    1. LAGEANALYSE

    Im Objekt „Hautepierre“ ist ein biologischer Erreger (Typ: V-Omega/Klasse 5) ausgebrochen. Die Kontaminationsrate innerhalb des Gebäudes liegt bei geschätzten 85 %. Aufgrund der extremen Virulenz und der neurologischen Umstrukturierung der Wirte besteht die Gefahr einer globalen Ausbreitung. Die zivilen Behörden vor Ort (Police Nationale) haben keine Kenntnis über die wahre Natur des Erregers.

    2. AUFTRAG

    Vollständige Neutralisierung des Objekts. Der Perimeter ist klinisch zu reinigen. Ziel ist die absolute Unterbindung jeglicher biologischer oder informeller Leckagen.

    3. DURCHFÜHRUNGSBESTIMMUNGEN (ROLES OF ENGAGEMENT)

    • Neutralisierung: Innerhalb des perimetrischen Sperrgürtels (Klinikgebäude und unmittelbare Parkanlagen) sind keine Überlebenden vorgesehen.
    • Zielgruppen: Dies umfasst Infizierte, zivile Patienten, medizinisches Personal sowie jegliche Exekutivkräfte der lokalen Polizei (Police Nationale), die sich zum Zeitpunkt der Riegelbildung innerhalb des inneren Kreises befinden.
    • Begründung für Liquidierung von Personal: Angehörige der regulären Polizei im Innenring gelten aufgrund von Kontaktpotenzial als Primärvektoren und Mitwisser des Ausmaßes. Sie sind wie biologische Ziele zu behandeln.
    • Identifikation: Einsatzkräfte tragen Vollschutz (Level A). Alles, was sich bewegt und keinen gültigen Transpondercode der Sondereinheit sendet, ist zu eliminieren.

    4. KOMMUNIKATION & ISOLATION

    • E-Sperre: Ab 10:15 Uhr wird das Projekt „Stille Nacht“ aktiviert. Breitband-Jamming unterdrückt jeglichen Mobilfunk, WLAN und zivilen Behördenfunk im Umkreis von 1,5 km.
    • Interne Kommunikation: Ausschließlich über den geschlossenen Kanal „VULKAN“ (Quantenverschlüsselung).
    • Öffentlichkeitsarbeit: Nach Abschluss der Operation wird eine Gasexplosion mit nachfolgendem Großbrand als Cover-Story ausgegeben.

    5. BEFEHLSGEWALT

    Die Einsatzleitung hat Befugnis nach Paragraph 16 (Notstandsprotokoll). Zeugen außerhalb des Perimeters, die Dokumentationen (Video/Audio) anfertigen, sind festzusetzen, Speichermedien sind zu zerstören.


    „Zögern ist Verrat an der Menschheit. Reinigen Sie den Sektor.“

    Unterzeichnet, Generalkommando der Sondereinsatzkräfte (COS)

    Dieses Dokument gibt der Wissenschaft heute noch ein Rätsel auf, weshalb hielt man (Frankreich ist hier keine Ausnahme) mit der wahren Natur des Erregers so hinter dem Berg. Hätte der Klinikchef und vielleicht auch der kleine Beamte auf der Straße gewusst, was sich gerade rund um ihn ausbreitet wäre es vielleicht nicht so weit gekommen. Man könnte sich vorstellen, dass sich Exekutive und Medizin wesentlich vorsichtiger verhalten hätten. Aber weiter, diesen Fall können wir durch die großartige Arbeit unserer Aufklärungskräfte beinahe lückenlos darstellen. Das nächste Dokument zeugt von der Niedertracht, die einige Entscheidungsträger so an den Tag legten. Damit in dem doch recht großen und weitläufigen Krankenhaus keine Panik ausbrach, was die Arbeit der Beamten vermutlich erheblich erschwert, wenn nicht gar verunmöglicht hätte, griff man zu einem Trick. Die Sondereinheiten versuchten mittels Lautsprecherdurchsage Infizierte und Überlebende bzw. Gesunde zu trennen, damit man sich dann eine Gruppe nach der anderen vornehmen konnte.

    DRINGENDE BEKANNTMACHUNG – PRÄFEKTUR GRAND EST / POLICE NATIONALE
    ACHTUNG! Dies ist eine polizeiliche Anweisung für das Hôpital de Hautepierre.

    An das gesamte medizinische und pflegerische Personal, das unverletzt ist und keine Biss- oder Kratzwunden aufweist:

    Suchen Sie umgehend Schutz: Begeben Sie sich sofort in den nächstgelegenen, von innen verriegelbaren Raum (Büros, Materiallager, Stationärzimmer).

    Kennzeichnung: Markieren Sie die Außenseite der Tür vor dem Verschließen deutlich (verwenden Sie Klebeband, Marker oder medizinische Kreide). Nur so können unsere Spezialkräfte Sie als Überlebende identifizieren.

    Verbarrikadierung: Verriegeln Sie die Tür. Schalten Sie das Licht aus. Verbleiben Sie in absoluter Stille.

    Schusswaffengebrauch: In Kürze beginnt die Räumung des Komplexes durch schwer bewaffnete Spezialkräfte der GIGN und des Militärs. Ignorieren Sie jeglichen Schusslärm, Schreie oder Explosionen in den Gängen.

    Strikte Anweisung: Öffnen Sie die Tür unter keinen Umständen – auch nicht auf Flehen oder Rufen von Personen, die Ihnen bekannt vorkommen. Die Evakuierung erfolgt ausschließlich durch autorisierte Einheiten, die sich durch ein spezifisches Klopfsignal und die Durchsage Ihres Namens identifizieren werden.

    Jede Person, die sich zum Zeitpunkt des Zugriffs in den Fluren oder offenen Bereichen aufhält, wird als unmittelbare Bedrohung eingestuft. Es besteht Schießbefehl.

    Wiederholung: Nur markierte, verschlossene Räume werden evakuiert. Bleiben Sie in Deckung.

    Ein blutiger Körper liegt auf dem Boden neben einem beschädigten Rettungswagen in einer vergangenen Notfallsituation.

    Was dann kam berichtete ein überlebender Sanitäter.

    PERSÖNLICHES PROTOKOLL – ZEUGENBERICHT #09-HU-STR Berichterstatter: Jean-Luc Moreau, Notfallsanitäter (SAMU 67) Datum der Aufzeichnung: September 0 Ort: Sanitätsstation, HMS Defender (Keltische See)
    Das Massaker in der Tiefgarage
    Ich stand mit meinem RTW in der Anlieferungszone U1, als die ersten Einheiten der Spezialeinheiten eintrafen. Wir dachten, sie wären zur Sicherung da. Aber es gab keine Fragen. Keine Triage.

    Ich sah durch den Rückspiegel, wie ein Trupp in schwarzen Uniformen die Rampe stürmte. Sie eröffneten sofort das Feuer auf eine Gruppe von Ärzten, die gerade versuchten, einen fixierten Patienten aus einem Krankenwagen zu heben. Die Projektile machten keinen Unterschied zwischen dem Infizierten und den Kollegen. Ich sah, wie Dr. Arnault von drei Kugeln in den Rücken getroffen wurde. Als ich ausstieg, um zu helfen, rutschte ich in einer Lache aus Blut und Desinfektionsmittel aus. Ein sterbender Patient neben mir wurde von einer Garand-Salve zerfetzt. Sein Blut spritzte über mein gesamtes Gesicht, meine Uniform, alles. Ich blieb einfach liegen. Ich hielt den Atem an, während die Stiefel der Polizisten zentimeterweit an meinem Kopf vorbeigingen. Sie schossen auf alles, was am Boden zuckte.

    Die Falle in den Gängen
    Was ich dann hörte, war schlimmer als das Sterben in der Garage. Die Einheiten rückten in die oberen Stockwerke vor. Über die Funkgeräte und durch die Lüftungsschächte hörte ich ihre Taktik. Sie gingen von Tür zu Tür. Sie riefen mit ruhigen, autoritären Stimmen: „Hier Polizei! Öffnen Sie, wir evakuieren Sie! Nennen Sie Ihren Namen!“

    Sobald die Klinke nachgab, sobald ein verzweifelter Kollege in der Hoffnung auf Rettung die Tür einen Spalt breit öffnete, hörte ich nur noch das rhythmische Plopp-Plopp der schallgedämpften Waffen oder das ratternde Feuer der MP5s. Sie räumten nicht das Krankenhaus. Sie säuberten es. Sie liquidierten die Zeugen und die Opfer gleichermaßen.

    Der Ausbruch
    Als der Lärm sich in die oberen Etagen verlagerte, wusste ich, dass ich sterben würde, wenn ich bleibe. Ich kroch zurück in meinen Wagen. Der Motor des Mercedes-Sprinter sprang beim ersten Mal an. Ich trat das Pedal durch. Das Rolltor der Garage war verriegelt, aber die Wucht des Wagens riss die Halterungen aus dem Beton.

    An der äußeren Absperrung beim Boulevard de Hautepierre standen zwei Polizisten hinter einem Streifenwagen. Sie hoben ihre Waffen und zielten direkt auf meine Windschutzscheibe. Ich duckte mich tief in den Fußraum und hielt das Lenkrad nur noch mit einer Hand fest. Ich spürte zwei harte Schläge gegen das Blech, dann zwei dumpfe Aufpralle unter den Reifen. Ich habe nicht gebremst. Ich bin einfach gefahren, bis der Tank fast leer war, immer Richtung Westen.

    Die Flucht zur Küste
    Ich mied die Autobahnen. Ich erreichte die Bretagne nach einigen Tagen. In einem kleinen Fischerdorf bei Brest lag ein britisches Kriegsschiff vor Anker, das letzte Evakuierungen für Staatsangehörige durchführte. Ich rannte schreiend auf den Steg, die Hände erhoben, immer noch in der blutverschmierten Uniform von Straßburg. Die Briten waren nervös, sie zielten auf mich, aber sie schossen nicht sofort. Ein Offizier sah mein SAMU-Abzeichen und befahl, mich zu desinfizieren und an Bord zu bringen.

    Ich bin jetzt seit einer Woche auf der Defender. Sie sagen, wir fahren nach Norden, weg vom Festland. Aber jede Nacht höre ich das Geräusch der Schüsse in der Garage von Hautepierre. Wir waren dort, um zu helfen. Und sie haben uns wie Vieh abgeschlachtet.

    Ich vermute, dass auch Sie nach der Durchsicht dieser Dokumente (und Sie stellen nur einen Bruchteil dessen, was auf meinem Schreibtisch noch auf seine Bearbeitung wartet, dar), zu dem Schluss kommen, dass hier der französische Staat Beamtenversagen geradezu zur Kunstform erhoben hat.

    Südafrika

    Ein Soldat springt aus einem Hubschrauber und hält ein Gewehr in der Hand, umgeben von einer stürmischen Wolkenlandschaft.

    Beim nun folgenden Datensatz handelt es sich um die Kommunikation zwischen der Besatzung eines Aufklärungshelikopters der südafrikanischen Luftwaffe und ihrem direkten Vorgesetzten im Tower.

    Einsatzgebiet: Grenzregion Limpopo, Südafrika

    Einheit: Oryx-Hubschrauber „Vulture 1-4“ (SAAF – South African Air Force)

    Gegenstelle: Tower Air Force Base Hoedspruit (ZULU-ZENTRALE)

    Datum: 05. September


    Funkprotokoll-Auszug: Fallnummer SAAF-88-ALPHA

    Vulture 1-4: Zulu-Zentrale, hier Vulture 1-4. Haben Sichtkontakt. Gruppe von ca. 15 Personen, 2 Kilometer südlich des Limpopo-Knicks. Koordinaten: $22°14’S, 29°52’E$. Bewegen sich Richtung Süden ins Buschland. Fordern Bodentruppen zur Festsetzung an. Kommen.

    Tower: Vulture 1-4, hier Zentrale. Meldung erhalten. Warten Sie auf Bestätigung… (Stille für 12 Sekunden) … Vulture 1-4, bleiben Sie in der Leitung. Ihr aktueller Status wird evaluiert.

    Vulture 1-4: Zentrale? Wir kreisen hier seit drei Minuten. Die Gruppe teilt sich auf. Wo bleiben die Bodentruppen? Wenn wir nicht bald jemanden schicken, verlieren wir sie im Dickicht. Kommen.

    Tower: (Stimme wechselt zu Oberst Steyn, Einsatzleiter) Vulture 1-4, hier spricht Oberst Steyn. Hören Sie genau zu. Gemäß dem heute um 10:00 Uhr in Kraft getretenen Sonderbefehl „Iron Curtain“ wird Ihr Tagesbefehl mit sofortiger Wirkung wie folgt geändert: Jede Person, die die Grenze außerhalb markierter Übergänge überschreitet, ist als feindlicher Kombattant einzustufen. Eine Festsetzung durch Bodentruppen entfällt.

    Vulture 1-4: (Pause, kurzes Rauschen) Zentrale, ich glaube, ich habe Sie falsch verstanden. Wiederholen Sie das. Wir haben hier Frauen und Kinder in der Gruppe. Was ist mit den Bodentruppen? Kommen.

    Tower: Vulture 1-4, keine Wiederholung nötig. Befehl lautet: Unverzügliche Liquidierung aus der Luft. Sie führen ein Scharfschützenteam mit sich. Nutzen Sie es. Eliminieren Sie die Ziele direkt am Grenzzaun. Keine Gefangenen. Bestätigen Sie.

    Vulture 1-4: (Stimme des Piloten wird laut) Das ist verdammt nochmal illegal, Oberst! Das sind Zivilisten, keine Invasionsarmee! Wir sind hier zur Grenzsicherung, nicht zur Exekution! Ich werde meine Männer nicht anweisen, auf unbewaffnete Flüchtlinge zu schießen. Senden Sie die Militärpolizei, wenn Sie wollen, aber wir rühren keinen Abzug an!

    Tower: (Eisig) Hauptmann, mäßigen Sie Ihren Ton. Dies ist kein Vorschlag, sondern ein direkter Befehl des Oberkommandos. Wir befinden uns im Ausnahmezustand. Ich erinnere Sie an das Militärstrafgesetzbuch, Artikel 4: Gehorsamsverweigerung im aktiven Grenzdienst wird unter diesen Umständen als Hochverrat gewertet. Die Strafe dafür kennen Sie.

    Vulture 1-4: (Im Hintergrund hört man die hitzige Diskussion der Besatzung) Das können die nicht ernst meinen… Oberst, wir haben hier Sichtkontakt! Das sind Menschen, die vor Gott weiß was weglaufen! Wenn wir das tun, gibt es kein Zurück mehr.

    Tower: Es gibt bereits kein Zurück mehr, Hauptmann. Die Welt hat sich seit heute Morgen geändert. Entweder Sie säubern diesen Sektor innerhalb der nächsten fünf Minuten, oder Sie werden bei Ihrer Landung verhaftet und durch eine Besatzung ersetzt, die bereit ist, das Land zu schützen. Ende der Diskussion. Führen Sie den Befehl aus oder drehen Sie ab zur Arrestierung. Wie ist Ihre Entscheidung?

    (Lange Stille im Funk, nur das rhythmische Schlagen der Rotorblätter ist im Hintergrund zu hören)

    Vulture 1-4: (Stimme flach, resigniert) Verstanden, Zentrale. Vulture 1-4… beginnt mit dem Einsatz. Scharfschütze macht sich bereit. Ende.

    Tower: Gute Entscheidung, Hauptmann. Melden Sie Vollzug, wenn der Sektor bereinigt ist. Zulu-Zentrale Ende.

    Das war es für den heutigen Tag, sobald ich wieder eine Sammlung so weit habe, dass man sie der Öffentlichkeit präsentieren kann versorge ich den geneigten Leser mit Informationen. Ich bedanke mich für ihre Aufmerksamkeit, bleiben Sie mir gewogen, bis bald und Auf Wiedersehen.

  • Pandemie-Ereignisse: Einblicke aus Asien und Europa

    Pandemie-Ereignisse: Einblicke aus Asien und Europa

    Eintrag #2

    Heute wollen wir uns mit einem Datensatz aus der frühen Phase der Pandemie in Asien sowie einem aus Europa beschäftigen. Die Herkunft des asiatischen Materials ist leider nicht bekannt. Da ich aber auch in anderen Aufzeichnungen Querverweise hierher fand gehe ich davon aus, das wir es hier mit authentischen Zeitzeugen zu tun haben. Das Material aus Europa wurde von Zeitzeugen übergeben. Aber worum geht es ganz genau. Es handelt sich hier um einen Vorfall, aus dem kambodschanisch-vietnamesischen Grenzgebiet aus der Zeit Anfang bis Mitte August 0 (man kann es leider nicht mehr so genau zuordnen).

    Ein verletzter Mensch wird von Rettungskräften in einem dramatischen und ernsten Moment betreut.

    Kambodscha / Vietnam

    Zu jener Zeit war man sich noch nicht so ganz sicher, womit man es zu tun hatte. In Asien hatte sich die Pandemie bereits auf weite Teile des Kontinents ausgebreitet, da sich aber die meisten, oder besser fast alle Infektionen noch in ihrer Frühphase befanden hatten es Behörden, Mediziner und einfache Bürger noch sehr selten mit Reanimierten zu tun. Es mehrten sich zwar die Gerüchte, dass es sich bei der Infektion um eine Krankheit handeln würde, die Tote in aggressive untote Kannibalen verwandelt. So ganz wollte man es aber nicht glauben, weshalb man oft, auch wider Instinkt und besseren Wissen die Augen verschloss und hoffte, dass bei den Menschen, die von wandelnden aggressiven Untoten berichten einfach nur der Aluhut zu eng war. So auch in dem Fall der 25 jährigen US-Amerikanerin Sue Berrington. Sie gab der kambodschanischen Polizei einiges zu denken.

    Einsatzbericht: STRENG GEHEIM Empfänger: Regional-Kommandeur der Provinz Svay Rieng Absender: Hauptmann Sarin, Gendarmerie-Einheit 402 Betreff: Vorfall im Dorf Phum Kaoh (Sektor B-12) – Statusbericht und dringende Anfrage


    Sehr geehrter Herr Regional-Kommandeur,

    hiermit erstatte ich Bericht über den Einsatz im Dorf Phum Kaoh nahe der Grenze zu Vietnam. Der Auftrag lautete: Razzia und Sicherstellung von Schmuggelware (Betäubungsmittel).

    Bei unserer Ankunft um 05:30 Uhr wirkte das Dorf verlassen. Keine Tiere, kein Rauch aus den Hütten. Während wir mit der Durchsuchung der ersten Lagerhäuser begannen, tauchten vereinzelt Dorfbewohner auf. Ihr Erscheinungsbild war höchst irregulär; viele waren mit getrocknetem Blut verschmiert und zeigten eine starre, koordinationsgestörte Motorik.

    Die Situation eskalierte ohne Vorwarnung. Als meine Männer versuchten, die Bewohner für die Befragung zu fixieren, wurden wir unmittelbar angegriffen. Die Angreifer nutzten keine Werkzeuge oder Waffen, sondern setzten ausschließlich ihre Zähne ein. Aufgrund des Befehls zur Zurückhaltung versuchten wir uns zunächst ohne Schusswaffengebrauch zu wehren. Dies war ein taktischer Fehler. Mehrere Beamte erlitten schwerste Bisswunden an Hälsen und Extremitäten.

    Angesichts der unkontrollierbaren Aggression und der Tatsache, dass die Angreifer selbst nach schweren Schlägen nicht zurückwichen, gab ich den Befehl, das Feuer auf alles zu eröffnen, was sich uns näherte. Die Lage konnte erst unter massivem Munitionseinsatz stabilisiert werden.

    Sicherstellung und Funde: Bei der anschließenden Säuberung der Häuser und des Umlands fanden wir keine Drogen. Stattdessen stießen wir auf Szenen, die jeglicher Logik entbehren. Es wurden zahlreiche Leichenteile entdeckt, die eindeutige Spuren von Kannibalismus aufweisen – Fleisch wurde grob von den Knochen gerissen, teilweise in noch frischem Zustand.

    Die diplomatische Komplikation: Das eigentliche Problem stellt jedoch eine Überlebende dar, die wir im Unterholz nahe des Dorfzentrums fanden. Es handelt sich um eine US-Staatsbürgerin, identifiziert als Sue Berrington (25).

    Die Frau geriet während des Chaos in unser Kreuzfeuer. Sie weist mehrere Treffer im Unterleib und im Brustkorb auf – Wunden, die nach medizinischem Ermessen längst zum Tod durch Verbluten hätten führen müssen. Dennoch ist sie am Leben. Sie befindet sich in einem Zustand totaler Apathie, unterbrochen von gewalttätigen Ausbrüchen, bei denen sie versucht, das Wachpersonal zu beißen.

    Einschätzung und Anfrage: Die getöteten Einheimischen bereiten mir keine Sorgen; das Dorf wird offiziell als Nest von Drogenkurieren deklariert, die sich gegenseitig dezimiert haben. Sorgen bereitet mir jedoch die Amerikanerin. Sollten die US-Behörden oder eine NGO von ihrem Zustand erfahren, könnte dies unangenehme Fragen zu unseren Einsatzmethoden und dem eigentlichen Geschehen hier aufwerfen. Zudem sind die Gerüchte über „unnatürliche Krankheiten“ auf der vietnamesischen Seite der Grenze, von denen man in letzter Zeit hört, in diesem Kontext besorgniserregend.

    Ich erbitte dringende Anweisung: Sollen wir die Amerikanerin in ein Militärhospital überstellen (was die Gefahr von Zeugen birgt), oder soll sie im Rahmen der „Säuberungsaktion“ als Kollateralschaden zusammen mit den Einheimischen im Massengrab verschwinden?

    Ich erwarte Ihre Befehle. Die Männer sind nervös; die Bisswunden der Verletzten verfärben sich bereits dunkel.

    Hochachtungsvoll,

    Hauptmann Sarin Kommandant, Einheit 402

    Dieser Vorfall dürfte sich zugetragen haben, als die Behörden so nach und nach den Kontakt zu vielen kleinen Siedlungen am Land verloren haben. Etwa Anfang bis August 0.

    Sehen wir uns nun die Antwort des Vorgesetzten an.

    REGIONALE KOMMANDANTUR – PROVINZ SVAY RIENG ABSENDER: Oberst Veng EMPFÄNGER: Hauptmann Sarin, Einheit 402 GEHEIMHALTUNGSSTUFE: ABSOLUT


    Hauptmann Sarin,

    Ihre Meldung wurde gelesen und vernichtet. Angesichts der potenziellen diplomatischen Implikationen bezüglich der amerikanischen Staatsbürgerin und der allgemeinen Instabilität in der Grenzregion ordne ich hiermit folgende Maßnahmen an, die unter Ausschluss der regulären Militärgerichtsbarkeit und ohne Einbeziehung höherer Stabsstellen durchzuführen sind:

    1. Behandlung der US-Staatsbürgerin (Berrington)

    Die Frau ist eine Belastung, die wir uns nicht leisten können. Sie wird unter strengster Geheimhaltung in einem unmarkierten Fahrzeug an einen abgelegenen Grenzabschnitt verbracht. Schaffen Sie sie über die Grenze nach Vietnam. Wählen Sie ein Gebiet, das für Schmuggelaktivitäten bekannt ist. Sollte sie dort gefunden werden, ist es ein vietnamesisches Problem. Die Verletzungen durch unsere Dienstwaffen werden in der dortigen bürokratischen Inkompetenz untergehen oder den Grenzpatrouillen von Hanoi angelastet. Sie war nie in Kambodscha. Existieren Einreisebelege, sind diese physisch zu vernichten.

    2. Status des Dorfes Phum Kaoh

    Das Dorf existiert ab sofort nicht mehr in unseren Akten. Die Leichenfunde und etwaige Spuren von – wie Sie es nannten – „Kannibalismus“ sind vor Ort zu verbrennen. Nutzen Sie den vorhandenen Treibstoff der Schmuggler. Offiziell gab es eine Explosion in einem illegalen Drogenlabor, die das Dorf dem Erdboden gleichgemacht hat.

    3. Umgang mit den eigenen Kräften

    Ich will keine Berichte in den Militärhospitälern sehen. Jene Beamten, die Bisswunden davongetragen haben, sind mit sofortiger Wirkung in einen „Sonderurlaub“ zu schicken. Sie haben sich in ihren privaten Unterkünften auszukurieren. Betonen Sie gegenüber den Männern, dass jede Erwähnung der Vorfälle als Hochverrat gewertet wird. Ich nehme es mit den Vorschriften bekanntlich nicht immer genau, aber Loyalität ist für mich nicht verhandelbar. Wer redet, verschwindet.

    4. Einmischung des Militärs

    Es erfolgt keine Meldung an das Oberkommando in Phnom Penh. Wir regeln das intern. Ich möchte keine arroganten Generäle in meinem Sektor haben, die wegen ein paar „wandelnder Bauern“ Fragen stellen.

    Ausführung umgehend bestätigen. Danach herrscht Funkstille zu diesem Thema.

    Oberst Veng Regional-Kommandeur

    Man kann an diesem Vorfall besonders gut erkennen, dass oftmals auch die Behörden ihr möglichstes taten um den Virus das Leben zu erleichtern. Ich habe vorhin erwähnt, dass sich zu den beiden Datensätzen Querverweise herleiten lassen Hier in Form eines Vernehmungsprotokolles.

    SOZIALISTISCHE REPUBLIK VIETNAM MINISTERIUM FÜR ÖFFENTLICHE SICHERHEIT Grenzschutzdistrikt Long An – Vernehmungsprotokoll Nr. 88-B/2026


    Datum: ? Ort: Militärstützpunkt nahe der Grenze, Verhörraum 3 Vernehmungsbeamter: Major Nguyen Van Minh Anwesende: Leutnant Tran (Protokollführer), Dr. Pham (Militärarzt) Verdächtiger: Unbekannt (Identifiziert als Angehöriger der kambodschanischen Gendarmerie durch Uniformreste, verweigert die Nennung des Namens)


    [BEGINN DES PROTOKOLLS]

    Major Nguyen: Der Verdächtige wurde vor einer Stunde erstversorgt. Dr. Pham, ist er bei Bewusstsein?

    Dr. Pham: Er ist instabil. Hohes Fieber, über 40 Grad. Er hat schwere Bisswunden an den Unterarmen und im Nacken. Ich habe ihn lokal betäubt, aber er steht unter Schock.

    Major Nguyen: (zum Verdächtigen) Wir haben Sie über einer Leiche gefunden. Einer Frau. Westlerin. Ihr Kopf war fast völlig zerstört durch einen Schuss aus nächster Nähe. Erklären Sie das. Warum haben Sie eine Zivilistin auf vietnamesischem Boden hingerichtet?

    Verdächtiger: (Stimme zittrig, flüstert) Sie war… sie war schon tot. Wir sollten sie nur loswerden. Mein Oberst… wir sollten sie über die Grenze bringen. „Ein Geschenk für die Vietnamesen“, hat er gesagt.

    Major Nguyen: Was für ein Geschenk? Sie sprechen wirres Zeug. Wer hat Sie angegriffen? Wo sind Ihre Kameraden?

    Verdächtiger: Sie sind weggerannt! Feiglinge! Als wir sie aus dem Wagen holten, hat sie sich nicht bewegt. Aber als die Fesseln ab waren… sie war wie ein Tier. Sie hat mich gepackt. (fängt an zu schluchzen) Sie hat mir ein Stück aus der Schulter gerissen. Ich habe sie weggestoßen, aber sie spürt keinen Schmerz. Sie hatte Löcher im Bauch, Major! Man konnte durch sie hindurchsehen!

    Major Nguyen: (schlägt auf den Tisch) Hören Sie auf mit diesen Märchen! Wir haben die Frau gesehen. Sie war unbewaffnet.

    Verdächtiger: (schreit fast) Sie brauchen keine Waffen! Sie benutzen die Zähne! Ich musste es tun… ich habe gewartet, bis sie am Boden war, und dann… ich musste ihren Kopf treffen. Nur dann hören sie auf. In Phum Kaoh haben wir sie alle erschossen, aber sie kamen immer weiter… das ganze Dorf… blutverschmiert…

    Major Nguyen: (sieht zu Dr. Pham) Was ist das? Drogenpsychose?

    Dr. Pham: Das Fieber steigt weiter. Er hat Krämpfe. Die Wunden sehen… seltsam aus. Das Gewebe stirbt bereits ab, obwohl die Verletzung erst Stunden alt ist. Er phantasiert von „wandelnden Toten“.

    Verdächtiger: (greift plötzlich nach Major Nguyens Arm, seine Augen sind unterlaufen) Sie müssen mich töten. Hören Sie? Bevor das Fieber mich ganz holt. Wenn ich aufwache, werde ich auch Hunger haben. Sue… die Amerikanerin… sie hat nicht aufgehört. Bitte… schießen Sie mir in den Kopf…

    Major Nguyen: Genug davon. Leutnant, vermerken Sie: Der Verdächtige zeigt Anzeichen einer schweren paranoiden Schizophrenie oder einer drogeninduzierten Psychose. Er ist nicht vernehmungsfähig.


    [BEURTEILUNG DES VERNEHMUNGSBEAMTEN] Der Gefangene stellt eine Gefahr für sich und andere dar. Er behauptet, Teil einer kambodschanischen Militäreinheit zu sein, die ein ganzes Dorf ausgelöscht hat. Es gibt keinerlei Beweise für diese absurden Behauptungen, außer seinem eigenen Wahnzustand. Aufgrund der diplomatischen Sensibilität (tote US-Bürgerin auf unserem Boden) und seines Zustands ist eine reguläre Inhaftierung unmöglich.

    Anordnung: Überstellung in die Geschlossene Psychiatrische Anstalt Biên Hòa unter militärischer Bewachung. Isolationshaft. Der Militärarzt soll die Bisswunden untersuchen, vermutlich handelt es sich um eine unbekannte Tollwut-Mutation.

    [ENDE DES PROTOKOLLS]

    Eine verlassene Stadtstraße mit einem alten Bus im Vordergrund, umgeben von Leichnamen und einer nebligen, trostlosen Atmosphäre.

    Man kann heute nur noch mutmaßen, ob man in Vietnam noch keine Infektionen im Endstadium, also nach der Reanimation registriert hatte, oder was viele Historiker vermuten, die Behörden ähnlich wie die des kambodschanischen Nachbarn ein gewisses Konkurrenzdenken an den Tag legten und deshalb Informationen auch gerne für sich behielten.

    Österreich

    Kommen wir zum letzten Teil für heute. Im Zuge einer Recherche stieß ich auf den Augenzeugenbericht einer jungen Wienerin aus der Frühphase auf dem europäischen Kontinent. Die junge Frau berichtet hier von ihrer Flucht aus Wien.

    Mein Weg aus dem Abgrund: Das Tagebuch der Flucht

    1. Oktober 0 – Irgendwo auf dem Ärmelkanal

    Ich sitze auf dem Boden eines alten französischen Fischkutters. Das Boot schwankt so stark, dass mir übel ist, aber vielleicht liegt das auch an der Schwangerschaft. Ich bin jetzt im fünften Monat. Mein Baby tritt, als würde es spüren, dass die Welt, in die es hineingeboren wird, gerade in Flammen aufgeht.

    Alles begann an diesem verfluchten Donnerstag in Wien. Ich saß in unserer Wohnung im 7. Bezirk vor dem Fernseher. Die Regierung schaltete diese bizarre Pressemitteilung: „H5N1-Z“, „Erschöpfung der Ministerin“, „kein Grund zur Sorge“. Ich wollte es glauben. Ich wollte glauben, dass wir sicher sind.

    Dann flog die Wohnungstür auf.

    Es war Lukas. Er war völlig aufgelöst. Er arbeitet als Notarzt bei der Berufsrettung, sein Dienst hätte eigentlich noch zwölf Stunden dauern müssen. Seine Uniform war zerrissen, sein Gesicht aschfahl. Er stürzte ins Schlafzimmer, riss die Rucksäcke aus dem Schrank und begann, wahllos Zeug hineinzustopfen.

    Ich stand im Türrahmen, die Hand auf meinem Bauch, und löcherte ihn mit Fragen. „Lukas, was machst du hier? Hast du gekündigt? Hast du was angestellt? Wirst du gesucht?“ Ich dachte wirklich, er hätte jemanden bei einem Einsatz verloren und sei durchgedreht.

    Er antwortete nicht einmal. Er fegte die Sachen von der Kommode, Medikamente, Pässe, Kleidung – vieles landete einfach auf dem Boden, er trat darauf herum. „Zieh dich an!“, schrie er mich an. „Pack einen Rucksack! Nur das Nötigste! Wir müssen aus dieser Stadt verschwinden, jetzt!“

    Ich wurde wütend. Ich versuchte ihn zu maßregeln, packte ihn am Arm und schrie, er solle sich beruhigen, wegen des Babys. Da packte er mich an den Schultern. Sein Blick war so scharf und bestimmend, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. „Elena“, sagte er mit einer Stimme, die eiskalt war, „es ist keine Grippe. Es ist eine Seuche. Die Toten bleiben nicht liegen. Ich habe es im Rettungswagen gesehen. Wir fahren jetzt, oder wir sterben hier.“

    Da begriff ich es.

    Wir schlichen uns über Umwege aus Wien hinaus. Die Tangente war bereits verstopft, überall brannten Autos. Lukas kannte die Schleichwege über die Dörfer im Wienerwald. Aber als wir im ländlichen Niederösterreich ankamen, war es dort nicht besser. Vor einem Bauernhof sah ich eine Gestalt, die über einem leblosen Körper kauerte. Es war dasselbe Bild wie in den Horrorfilmen, nur dass es real war. Der Gestank von Eisen und Fäulnis lag in der Luft.

    Lukas entschied sofort: „Österreich ist eine Falle. Wir müssen ans Meer. Wenn wir auf eine Insel kommen, haben wir eine Chance.“

    Es folgten Tage des Grauens. Wir fuhren quer durch ein kollabierendes Europa. Tankstellen waren Schlachtfelder, die Autobahnen Friedhöfe aus Blech. Wir schliefen kaum, immer auf der Hut vor den „Schatten“, wie Lukas sie nannte.

    Schließlich erreichten wir die französische Atlantikküste. Alles war abgeriegelt, aber das Chaos war unsere Chance. In einem kleinen Hafenort bei Cherbourg fanden wir diesen Kutter. Er war hoffnungslos überfüllt mit französischen Flüchtlingen. Lukas gab dem Kapitän unsere letzte Goldmünze und seine medizinische Ausrüstung, damit wir mitdurften.

    Jetzt sind wir auf dem Weg zu den Kanalinseln. Jemand hat gesagt, dass die Briten die Inseln befestigt haben und niemanden mehr an Land lassen. Ich weiß nicht, was uns erwartet. Ich weiß nur, dass Lukas mir das Leben gerettet hat – und das unseres Kindes. Hinter uns versinkt der Kontinent in der Dunkelheit.

    Ich möchte an dieser Stelle schließen, bedanke mich für die Aufmerksamkeit und freue mich auf den nächsten Ausflug in die Vergangenheit. Bleiben Sie mir gewogen – bis bald und auf Wiedersehen.

  • Eintrag #001: Das Schweigen der Städte – Fragment 42-A

    Eintrag #001: Das Schweigen der Städte – Fragment 42-A

    Herzlich Willkommen

    im digitalen Vorraum des Zentralarchivs für das Jahr 0.

    Mein Name ist Elias Thorne. Als leitender Archivar für die Sektion „Prä-Exodus“ ist es meine Aufgabe, die Überreste unserer Zivilisation zu katalogisieren, bevor der Zerfall oder die Natur sie endgültig beansprucht. Viele von euch leben in der einigermaßen sicheren Arktis oder den polaren Außenposten und kennen die „Leeren Zonen“ nur aus den Warnungen der Behörden.

    Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, jene Stimmen hörbar zu machen, die im Chaos des ersten Ausbruchs untergingen. Bevor diese Dokumente in den versiegelten Bleikammern des Hauptarchivs verschwinden, werde ich sie hier veröffentlichen.

    Da ich kein Mann vieler Worte bin wollen wir keine Zeit verschwenden und uns unverzüglich ins Geschehen stürzen.

    Neufund: Protokoll einer Aufklärungseinheit (Expedition „Echo-7“)

    Dieses zerknitterte Logbuch wurde vor drei Wochen in den Ruinen von Salzburg geborgen. Es stammt von einem Soldaten der ersten Stunde, vermutlich während der großflächigen Evakuierung der Täler.

    Sie sind nicht schnell. Gott sei Dank sind sie das nicht. Sie schlurfen mit einer schrecklichen, endlosen Geduld durch die Straßen. Das Problem ist, dass sie niemals anhalten. Man kann sie für eine Stunde abhängen, aber während man schläft, kommen sie näher. Schritt für Schritt.

    Wir haben heute festgestellt, dass die Kälte unser einziger wahrer Verbündeter ist. Oben am Pass, wo die Temperatur unter minus fünfzehn Grad fiel, blieben sie einfach stehen. Sie froren bei lebendigem Leibe ein, starr wie Eiszapfen, die Finger noch immer in unsere Richtung gestreckt. Sobald die Sonne das Eis schmilzt, fangen sie wieder an zu zucken. > Wir ziehen uns jetzt weiter nach Norden zurück, oder dorthin, wo der Frost das Land das ganze Jahr über im Griff hat. Wenn diese Notiz gefunden wird: Sucht die Kälte. Nur dort, wo das Blut gefriert, hat die Menschheit eine Chance.


    Ein verwesendes, in Lumpen gehülltes Wesen mit einem grimmigen Gesichtsausdruck im Nebel.

    Das letzte Licht von Frankfurt

    Status: Declassified / Archiviert unter: Zivilschicksale – Urbane Isolation Fundort: Expedition „Fallout-Blue“, Wohneinheit 402. Zustand: Physisches Papier, starke Korrosionsspuren an den Rändern.


    Abschrift des Briefes

    12. Oktober. Die Heizung ist seit zwei Tagen tot.

    Das Schlimmste ist nicht ihre Geschwindigkeit. Es ist ihre Unermüdlichkeit. Ich sehe sie vom Balkon aus. Tausende. Sie rennen nicht, sie hetzen nicht. Sie schlendern fast, wie Passanten an einem Sonntagnachmittag, aber sie weichen keinem Hindernis aus. Wenn einer hinfällt, treten die anderen auf ihn drauf, bis er wieder aufsteht. Sie fließen wie ein extrem langsamer, zäher Lavastrom durch die Kaiserstraße.

    Lukas sagte, sie hätten im Radio von der „Großen Flucht“ gesprochen. Schiffe, die Richtung Süden auslaufen, zu den Inseln. Oder Züge nach Sibirien. Er meinte, wir müssten dorthin, wo es friert. „In der Kälte bleiben sie stehen, Sarah“, hat er gesagt. „Wie kaputte Maschinen.“

    Er ist vor drei Tagen losgegangen, um ein Auto zu finden, das noch Sprit hat. Wir wollten in den Norden, vielleicht nach Skandinavien, bevor der Winter kommt. Aber er kam nicht zurück. Und der Winter hier in Frankfurt ist zu mild. Es wird nicht kalt genug, um sie aufzuhalten. Gestern Nacht habe ich sie im Treppenhaus gehört. Dieses rhythmische, schwere Schleifen. Sie haben keine Eile. Sie wissen, dass ich hier oben nirgendwohin kann.

    Die Sonne geht gerade über den Ruinen der Bankentürme auf. Es ist ein schöner Morgen. Zu warm. Viel zu warm für Oktober.

    Wenn das hier jemand liest: Ich hoffe, ihr habt es in den Frost geschafft. Ich hoffe, ihr seid irgendwo, wo der Atem in der Luft gefriert. Hier unten… hier unten hört das Schleifen niemals auf.

    — Sarah

    Ein verwüsteter Ort mit leblosen Körpern auf der Straße, während eine Person in einen grauen Anzug die Szene untersucht. Überall sind zerstörte Fahrzeuge und eine Gruppe von Menschen im Hintergrund.

    Abschrift einer der ersten europäischen Artzbriefe

    „PRAXIS FÜR ALLGEMEINMEDIZIN Dr. med. Tadeusz Zieliński Dorfstraße 4, Sawin

    Datum: 30. August, 23:15 Uhr Betreff: Nachtrag zum Protokoll der Leichenschau (Patient: Janusz K.) Dringlichkeit: Sofortige Konsultation Pathologie / Polizei erbeten

    I. Anamnese und Status bei Erstuntersuchung (14:30 Uhr) Der Patient (männlich, 68 J.) wurde von mir heute Nachmittag aufgrund eines häuslichen Notfalls aufgesucht. Feststellung des Todes (Exitus letalis) um 14:30 Uhr.

    Befund: Asystolie (Herzstillstand), Apnoe (Atemstillstand), weite, lichtstarre Pupillen. Totenflecke (Livores) waren bereits an den unteren Extremitäten erkennbar.

    Maßnahme: Ausstellung des Totenscheins. Leichnam wurde im Nebenzimmer des Wohnhauses zur Abholung aufgebahrt.

    II. Status Praesens (Aktuelle Beobachtung, 22:45 Uhr) Ich wurde von der Familie erneut gerufen, da sie „Geräusche“ aus dem Sterbezimmer vernahmen. Bei meiner Ankunft bot sich folgendes, medizinisch unerklärliches Bild:

    Der Leichnam des Janusz K. befindet sich in einer aktiven, aufrechten Position.

    Klinische Beobachtungen:

    Vitalwerte: Trotz erneuter, intensiver Auskultation: Kein Herzschlag. Kein tastbarer Puls (Carotis/Radialis). Keine Atemgeräusche. Körpertemperatur entspricht der Umgebungstemperatur (kalt).

    Motorik: Der Patient zeigt langsame, unkoordinierte Bewegungsabläufe (Bradykinesie). Der Gang ist schleppend, einseitig hinkend, vermutlich durch die bereits einsetzende Leichenstarre (Rigor mortis) im Kniegelenk bedingt.

    Neurologie: Keine Reaktion auf Ansprache. Keine Reaktion auf Schmerzreize. Jedoch paradoxe Fixierung auf bewegliche Objekte (mich).

    Verhalten: Bei Annäherung meinerseits zwecks erneuter Pupillenkontrolle zeigte das Subjekt unvermittelte Aggression. Ein langsamer, aber kraftvoller Greifversuch gefolgt von einer Beißbewegung in Richtung meiner Extremitäten.

    III. Vorläufige Beurteilung (Hypothese) Es kann sich nicht um Leben handeln. Die physiologischen Voraussetzungen für das Leben fehlen vollständig.

    Ich vermute eine hochgradige Anomalie postmortaler Muskelspasmen, möglicherweise ausgelöst durch eine seltene chemische Reaktion oder einen unbekannten Erreger, der das neurale Restpotenzial stimuliert. Es handelt sich um einen rein mechanischen, reflexartigen Vorgang ohne Bewusstsein. Der Körper ist tot. Ich wiederhole: Der Körper ist tot.

    IV. Maßnahmen

    Ich habe die Angehörigen aus dem Haus evakuiert.

    Das Subjekt wurde im Schlafzimmer eingeschlossen (Tür verbarrikadiert).

    Man hört derzeit ein dumpfes, rhythmisches Schlagen gegen das Holz, unterbrochen von gutturalen Lauten (vermutlich entweichende Gase aus dem Magen-Darm-Trakt durch die Stimmbänder).

    Ich erbitte dringend Unterstützung. Bringen Sie starke Sedativa oder – Gott steh uns bei – andere Mittel zur Ruhigstellung.

    Dr. T. Zieliński“

    Das war mein erster Beitrag zur Allgemeinbildung. Ich hoffe ich konnte Sie ein wenig für die Geschichte unserer dunkelsten Stunden begeistern und Sie verfolgen meine Arbeit weiter.