Herzlich Willkommen
im digitalen Vorraum des Zentralarchivs für das Jahr 0.
Mein Name ist Elias Thorne. Als leitender Archivar für die Sektion „Prä-Exodus“ ist es meine Aufgabe, die Überreste unserer Zivilisation zu katalogisieren, bevor der Zerfall oder die Natur sie endgültig beansprucht. Viele von euch leben in der einigermaßen sicheren Arktis oder den polaren Außenposten und kennen die „Leeren Zonen“ nur aus den Warnungen der Behörden.
Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, jene Stimmen hörbar zu machen, die im Chaos des ersten Ausbruchs untergingen. Bevor diese Dokumente in den versiegelten Bleikammern des Hauptarchivs verschwinden, werde ich sie hier veröffentlichen.
Da ich kein Mann vieler Worte bin wollen wir keine Zeit verschwenden und uns unverzüglich ins Geschehen stürzen.
Neufund: Protokoll einer Aufklärungseinheit (Expedition „Echo-7“)
Dieses zerknitterte Logbuch wurde vor drei Wochen in den Ruinen von Salzburg geborgen. Es stammt von einem Soldaten der ersten Stunde, vermutlich während der großflächigen Evakuierung der Täler.
Sie sind nicht schnell. Gott sei Dank sind sie das nicht. Sie schlurfen mit einer schrecklichen, endlosen Geduld durch die Straßen. Das Problem ist, dass sie niemals anhalten. Man kann sie für eine Stunde abhängen, aber während man schläft, kommen sie näher. Schritt für Schritt.
Wir haben heute festgestellt, dass die Kälte unser einziger wahrer Verbündeter ist. Oben am Pass, wo die Temperatur unter minus fünfzehn Grad fiel, blieben sie einfach stehen. Sie froren bei lebendigem Leibe ein, starr wie Eiszapfen, die Finger noch immer in unsere Richtung gestreckt. Sobald die Sonne das Eis schmilzt, fangen sie wieder an zu zucken. > Wir ziehen uns jetzt weiter nach Norden zurück, oder dorthin, wo der Frost das Land das ganze Jahr über im Griff hat. Wenn diese Notiz gefunden wird: Sucht die Kälte. Nur dort, wo das Blut gefriert, hat die Menschheit eine Chance.

Das letzte Licht von Frankfurt
Status: Declassified / Archiviert unter: Zivilschicksale – Urbane Isolation Fundort: Expedition „Fallout-Blue“, Wohneinheit 402. Zustand: Physisches Papier, starke Korrosionsspuren an den Rändern.
Abschrift des Briefes
12. Oktober. Die Heizung ist seit zwei Tagen tot.
Das Schlimmste ist nicht ihre Geschwindigkeit. Es ist ihre Unermüdlichkeit. Ich sehe sie vom Balkon aus. Tausende. Sie rennen nicht, sie hetzen nicht. Sie schlendern fast, wie Passanten an einem Sonntagnachmittag, aber sie weichen keinem Hindernis aus. Wenn einer hinfällt, treten die anderen auf ihn drauf, bis er wieder aufsteht. Sie fließen wie ein extrem langsamer, zäher Lavastrom durch die Kaiserstraße.
Lukas sagte, sie hätten im Radio von der „Großen Flucht“ gesprochen. Schiffe, die Richtung Süden auslaufen, zu den Inseln. Oder Züge nach Sibirien. Er meinte, wir müssten dorthin, wo es friert. „In der Kälte bleiben sie stehen, Sarah“, hat er gesagt. „Wie kaputte Maschinen.“
Er ist vor drei Tagen losgegangen, um ein Auto zu finden, das noch Sprit hat. Wir wollten in den Norden, vielleicht nach Skandinavien, bevor der Winter kommt. Aber er kam nicht zurück. Und der Winter hier in Frankfurt ist zu mild. Es wird nicht kalt genug, um sie aufzuhalten. Gestern Nacht habe ich sie im Treppenhaus gehört. Dieses rhythmische, schwere Schleifen. Sie haben keine Eile. Sie wissen, dass ich hier oben nirgendwohin kann.
Die Sonne geht gerade über den Ruinen der Bankentürme auf. Es ist ein schöner Morgen. Zu warm. Viel zu warm für Oktober.
Wenn das hier jemand liest: Ich hoffe, ihr habt es in den Frost geschafft. Ich hoffe, ihr seid irgendwo, wo der Atem in der Luft gefriert. Hier unten… hier unten hört das Schleifen niemals auf.
— Sarah

Abschrift einer der ersten europäischen Artzbriefe
„PRAXIS FÜR ALLGEMEINMEDIZIN Dr. med. Tadeusz Zieliński Dorfstraße 4, Sawin
Datum: 30. August, 23:15 Uhr Betreff: Nachtrag zum Protokoll der Leichenschau (Patient: Janusz K.) Dringlichkeit: Sofortige Konsultation Pathologie / Polizei erbeten
I. Anamnese und Status bei Erstuntersuchung (14:30 Uhr) Der Patient (männlich, 68 J.) wurde von mir heute Nachmittag aufgrund eines häuslichen Notfalls aufgesucht. Feststellung des Todes (Exitus letalis) um 14:30 Uhr.
Befund: Asystolie (Herzstillstand), Apnoe (Atemstillstand), weite, lichtstarre Pupillen. Totenflecke (Livores) waren bereits an den unteren Extremitäten erkennbar.
Maßnahme: Ausstellung des Totenscheins. Leichnam wurde im Nebenzimmer des Wohnhauses zur Abholung aufgebahrt.
II. Status Praesens (Aktuelle Beobachtung, 22:45 Uhr) Ich wurde von der Familie erneut gerufen, da sie „Geräusche“ aus dem Sterbezimmer vernahmen. Bei meiner Ankunft bot sich folgendes, medizinisch unerklärliches Bild:
Der Leichnam des Janusz K. befindet sich in einer aktiven, aufrechten Position.
Klinische Beobachtungen:
Vitalwerte: Trotz erneuter, intensiver Auskultation: Kein Herzschlag. Kein tastbarer Puls (Carotis/Radialis). Keine Atemgeräusche. Körpertemperatur entspricht der Umgebungstemperatur (kalt).
Motorik: Der Patient zeigt langsame, unkoordinierte Bewegungsabläufe (Bradykinesie). Der Gang ist schleppend, einseitig hinkend, vermutlich durch die bereits einsetzende Leichenstarre (Rigor mortis) im Kniegelenk bedingt.
Neurologie: Keine Reaktion auf Ansprache. Keine Reaktion auf Schmerzreize. Jedoch paradoxe Fixierung auf bewegliche Objekte (mich).
Verhalten: Bei Annäherung meinerseits zwecks erneuter Pupillenkontrolle zeigte das Subjekt unvermittelte Aggression. Ein langsamer, aber kraftvoller Greifversuch gefolgt von einer Beißbewegung in Richtung meiner Extremitäten.
III. Vorläufige Beurteilung (Hypothese) Es kann sich nicht um Leben handeln. Die physiologischen Voraussetzungen für das Leben fehlen vollständig.
Ich vermute eine hochgradige Anomalie postmortaler Muskelspasmen, möglicherweise ausgelöst durch eine seltene chemische Reaktion oder einen unbekannten Erreger, der das neurale Restpotenzial stimuliert. Es handelt sich um einen rein mechanischen, reflexartigen Vorgang ohne Bewusstsein. Der Körper ist tot. Ich wiederhole: Der Körper ist tot.
IV. Maßnahmen
Ich habe die Angehörigen aus dem Haus evakuiert.
Das Subjekt wurde im Schlafzimmer eingeschlossen (Tür verbarrikadiert).
Man hört derzeit ein dumpfes, rhythmisches Schlagen gegen das Holz, unterbrochen von gutturalen Lauten (vermutlich entweichende Gase aus dem Magen-Darm-Trakt durch die Stimmbänder).
Ich erbitte dringend Unterstützung. Bringen Sie starke Sedativa oder – Gott steh uns bei – andere Mittel zur Ruhigstellung.
Dr. T. Zieliński“
Das war mein erster Beitrag zur Allgemeinbildung. Ich hoffe ich konnte Sie ein wenig für die Geschichte unserer dunkelsten Stunden begeistern und Sie verfolgen meine Arbeit weiter.

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